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Das Buch
Märchen

Die Märchen der Brüder Grimm

Allerleirauh
Es war einmal ein König, der hatte eine Frau mit goldenen Haaren,
und sie war so schön, daß sich ihresgleichen nicht mehr auf Erden
fand. Es geschah, daß sie krank lag, und als sie fühlte, daß sie
bald sterben würde, rief sie den König und sprach: "Wenn du nach
meinem Tode dich wieder vermählen willst, so nimm keine, die nicht
ebenso schön ist, als ich bin und die nicht solche goldene Haare
hat, wie ich habe, das mußt du mir versprechen." Nachdem es ihr der
König versprochen hatte, tat sie die Augen zu und starb.
Der König war lange Zeit nicht zu trösten und dachte nicht daran,
eine zweite Frau zu nehmen. Endlich sprachen seine Räte: "Es geht
nicht anders, der König muß sich wieder vermählen, damit wir eine
Königin haben." Nun wurden Boten weit und breit umhergeschickt, eine
Braut zu suchen, die an Schönheit der verstorbenen Königin ganz
gleichkäme. Es war aber keine in der ganzen Welt zu finden, und wenn
man sie auch gefunden hätte, so war doch keine da, die solche
goldene Haare gehabt hätte. Also kamen die Boten unverrichteter
Sache wieder heim.
Nun hatte der König eine Tochter, die war gerade so schön wie ihre
verstorbene Mutter, und hatte auch solche goldene Haare. Als sie
herangewachsen war, sah sie der König einmal an und sah, daß sie in
allem seiner verstorbenen Gemahlin ähnlich war, und fühlte plötzlich
eine heftige Liebe zu ihr. Da sprach er zu seinen Räten: "Ich will
meine Tochter heiraten, denn sie ist das Ebenbild meiner
verstorbenen Frau, und sonst kann ich doch keine Braut finden, die
ihr gleicht."
Als die Räte das hörten, erschraken sie und sprachen: "Gott hat
verboten, daß der Vater seine Tochter heirate, aus der Sünde kann
nichts Gutes entspringen, und das Reich wird mit ins Verderben
gezogen." Die Tochter erschrak noch mehr, als sie den Entschluß
ihres Vaters vernahm, hoffte aber, ihn von seinem Vorhaben noch
abzubringen. Da sagte sie zu ihm: "Eh ich Euren Wunsch erfülle, muß
ich erst drei Kleider haben, eins so golden wie die Sonne, eins so
silbern wie der Mond, und eins so glänzend wie die Sterne; ferner
verlange ich einen Mantel von tausenderlei Pelz und Rauhwerk
zusammengesetzt, und ein jedes Tier in Eurem Reich muß ein Stück von
seiner Haut dazu geben."
Sie dachte aber: "Das anzuschaffen ist ganz unmöglich, und ich
bringe damit meinen Vater von seinen bösen Gedanken ab."
Der König ließ aber nicht ab, und die geschicktesten Jungfrauen in
seinem Reiche mußten die drei Kleider weben, eins so golden wie die
Sonne, eins so silbern wie der Mond, und eins so glänzend wie die
Sterne; und seine Jäger mußten alle Tiere im ganzen Reiche auffangen
und ihnen ein Stück von ihrer Haut abziehen; daraus ward ein Mantel
von tausenderlei Rauhwerk gemacht.. Endlich, als alles fertig war,
ließ der König den Mantel herbeiholen, breitete ihn vor ihr aus und
sprach: "Morgen soll die Hochzeit sein."
Als nun die Königstochter sah, daß keine Hoffnung mehr war, ihres
Vaters Herz umzuwenden, so faßte sie den Entschluß zu entfliehen. In
der Nacht, während alles schlief, stand sie auf und nahm von ihren
Kostbarkeiten dreierlei, einen goldenen Ring, ein goldenes
Spinnrädchen und ein goldenes Hastelchen; die drei Kleider von
Sonne, Mond und Sternen tat sie in eine Nußschale, zog den Mantel
von allerlei Rauhwerk an und machte sich Gesicht und Hände mit Ruß
schwarz. Dann befahl sie sich Gott und ging fort, und ging die ganze
Nacht, bis sie in einen großen Wald kam. Und weil sie müde war,
setzte sie sich in einen hohlen Baum und schlief ein.
Die Sonne ging auf, und sie schlief fort und schlief noch immer, als
es schon hoher Tag war. Da trug es sich zu, daß der König, dem
dieser Wald gehörte, darin jagte. Als seine Hunde zu dem Baum kamen,
schnupperten sie, liefen rings herum und bellten. Sprach der König
zu den Jägern: "Seht doch, was dort für ein Wild sich versteckt
hat." Die Jäger folgten dem Befehl, und als sie wiederkamen,
sprachen sie: "In dem hohlen Baum liegt ein wunderliches Tier, wie
wir noch niemals eins gesehen haben: an seiner Haut ist tausenderlei
Pelz; es liegt aber und schläft." Sprach der König: "Seht zu, ob
ihrs lebendig fangen könnt, dann bindets auf den Wagen und nehmts
mit."
Als die Jäger das Mädchen anfaßten, erwachte es voll Schrecken und
rief ihnen zu: "Ich bin ein armes Kind, von Vater und Mutter
verlassen, erbarmt euch mein und nehmt mich mit." Da sprachen sie:
"A l l e r l e i r a u h , du bist gut für die Küche, komm nur mit,
da kannst du die Asche zusammenkehren." Also setzten sie es auf den
Wagen und fuhren heim in das königliche Schloß. Dort wiesen sie ihm
ein Ställchen an unter der Treppe, wo kein Tageslicht hinkam, und
sagten: "Rauhtierchen, da kannst du wohnen und schlafen." Dann ward
es in die Küche geschickt, da trug es Holz und Wasser, schürte das
Feuer, rupfte das Federvieh, belas das Gemüs, kehrte die Asche und
tat alle schlechte Arbeit.
Da lebte Allerleirauh lange Zeit recht armselig. Ach, du schöne
Königstochter, wie solls mit dir noch werden! Es geschah aber
einmal, daß ein Fest im Schloß gefeiert ward, da sprach sie zum
Koch: "Darf ich ein wenig hinaufgehen und zusehen? Ich will mich
außen vor die Türe stellen." Antwortete der Koch: "Ja, geh nur hin,
aber in einer halben Stunde mußt du wieder hier sein und die Asche
zusammentragen." Da nahm sie ihr Öllämpchen, ging in ihr Ställchen,
zog den Pelzrock aus und wusch sich den Ruß von dem Gesicht und den
Händen ab, so daß ihre volle Schönheit wieder an den Tag kam.. Dann
machte sie die Nuß auf und holte ihr Kleid hervor, das wie die Sonne
glänzte. Und wie das geschehen war, ging sie hinauf zum Fest, und
alle traten ihr aus dem Weg, denn niemand kannte sie, und meinten
nicht anders, als daß es eine Königstochter wäre. Der König aber kam
ihr entgegen, reichte ihr die Hand und tanzte mit ihr, und dachte in
seinem Herzen: "So schön haben meine Augen noch keine gesehen." Als
der Tanz zu Ende war, verneigte sie sich, und wie sich der König
umsah, war sie verschwunden, und niemand wußte, wohin. Die Wächter,
die vor dem Schlosse standen, wurden gerufen und ausgefragt, aber
niemand hatte sie erblickt.
Sie war aber in ihr Ställchen gelaufen, hatte geschwind ihr Kleid
ausgezogen, Gesicht und Hände schwarz gemacht und den Pelzmantel
umgetan, und war wieder Allerleirauh. Als sie nun in die Küche kam
und an ihre Arbeit gehen und die Asche zusammenkehren wollte, sprach
der Koch: "Laß das gut sein bis morgen und koche mir da die Suppe
für den König, ich will auch einmal ein bißchen oben zugucken, aber
laß mir kein Haar hineinfallen, sonst kriegst du in Zukunft nichts
mehr zu essen." Da ging der Koch fort, und Allerleirauh kochte die
Suppe für den König, und kochte eine Brotsuppe, so gut es konnte,
und wie sie fertig war, holte es in dem Ställchen seinen goldenen
Ring und legte ihn in die Schüssel, in welche die Suppe angerichtet
ward. Als der Tanz zu Ende war, ließ sich der König die Suppe
bringen und aß sie, und sie schmeckte ihm so gut, daß er meinte,
niemals eine bessere Suppe gegessen zu haben. Wie er aber auf den
Grund kam, sah er da einen goldenen Ring liegen und konnte nicht
begreifen, wie er dahin geraten war. Da befahl er, der Koch sollte
vor ihn kommen. Der Koch erschrak, wie er den Befehl hörte, und
sprach zu Allerleirauh: "Gewiß hast du ein Haar in die Suppe fallen
lassen; wenns wahr ist, so kriegst du Schläge." Als er vor den König
kam, fragte dieser, wer die Suppe gekocht hätte. Antwortete der
Koch: "Ich habe sie gekocht."
Der König aber sprach: "Das ist nicht wahr, denn sie war auf andere
Art und viel besser gekocht als sonst."
Antwortete er: "Ich muß es gestehen, daß ich sie nicht gekocht habe,
sondern das Rauhtierchen."
Sprach der König: "Geh und laß es heraufkommen."
Als Allerleirauh kam, fragte der König: "Wer bist du?"
"Ich bin ein armes Kind, das keinen Vater und Mutter mehr hat."
Fragte er weiter: "Wozu bist du in meinem Schloß?"
Antwortete es: "Ich bin zu nichts gut, als daß mir die Stiefeln um
den Kopf geworfen werden."
Fragte er weiter: "Wo hast du den Ring her, der in der Suppe war?"
Antwortete es: "Von dem Ring weiß ich nichts."
Also konnte der König nichts erfahren und mußte es wieder
fortschicken.
Über eine Zeit war wieder ein Fest, da bat Allerleirauh den Koch wie
vorigesmal um Erlaubnis, zusehen zu dürfen. Antwortete er: "Ja, aber
komm in einer halben Stunde wieder und koch dem König die Brotsuppe,
die er so gerne ißt." Da lief es in sein Ställchen, wusch sich
geschwind und nahm aus der Nuß das Kleid, das so silbern war wie der
Mond, und tat es an. Dann ging es hinauf, und glich einer
Königstochter: und der König trat ihr entgegen und freute sich, daß
er sie wiedersah, und weil eben der Tanz anhub, so tanzten sie
zusammen. Als aber der Tanz zu Ende war, verschwand sie wieder so
schnell, daß der König nicht bemerken konnte, wo sie hinging. Sie
sprang aber in ihr Ställchen, und machte sich wieder zum
Rauhtierchen, und ging in die Küche, die Brotsuppe zu kochen. Als
der Koch oben war, holte es das goldene Spinnrad und tat es in die
Schüssel, so daß die Suppe darüber angerichtet wurde. Danach ward
sie dem König gebracht, der aß sie, und sie schmeckte ihm so gut wie
das vorigemal, und ließ den Koch kommen, der mußte auch diesmal
gestehen, daß Allerleirauh die Suppe gekocht hätte. Allerleirauh kam
da wieder vor den König, aber sie antwortete, daß sie nur dazu da
wäre, daß ihr die Stiefeln an den Kopf geworfen würden und daß sie
von dem goldenen Spinnrädchen gar nichts wüßte.
Als der König zum drittenmal ein Fest anstellte, da ging es nicht
anders als die vorigemale.. Der Koch sprach zwar: "Du bist eine
Hexe, Rauhtierchen, und tust immer etwas in die Suppe, davon sie so
gut wird, und dem König besser schmeckt, als was ich koche." Doch
weil es so bat, so ließ er es auf die bestimmte Zeit hingehen. Nun
zog es ein Kleid an, das wie die Sterne glänzte, und trat damit in
den Saal. Der König tanzte wieder mit der schönen Jungfrau und
meinte, daß sie noch niemals so schön gewesen wäre. Und während er
tanzte, steckte er ihr, ohne daß sie es merkte, einen goldenen Ring
an den Finger, und hatte befohlen, daß der Tanz recht lang währen
sollte. Wie er zu Ende war, wollte er sie an den Händen festhalten,
aber sie riß sich los und sprang so geschwind unter die Leute, daß
sie vor seinen Augen verschwand. Sie lief, was sie konnte, in ihr
Ställchen unter der Treppe, weil sie aber zu lange und über eine
halbe Stunde geblieben war, so konnte sie das schöne Kleid nicht
ausziehen, sondern warf nur den Mantel von Pelz darüber, und in der
Eile machte sie sich auch nicht ganz rußig, sondern ein Finger blieb
weiß. Allerleirauh lief nun in die Küche, kochte dem König die
Brotsuppe und legte, wie der Koch fort war, den goldenen Haspel
hinein. Der König, als er den Haspel auf dem Grunde fand, ließ
Allerleirauh rufen: Da erblickte er den weißen Finger und sah den
Ring, den er im Tanze ihr angesteckt hatte. Da ergriff er sie an der
Hand und hielt sie fest, und als sie sich losmachen und fortspringen
wollte, tat sich der Pelzmantel ein wenig auf, und das Sternenkleid
schimmerte hervor. Der König faßte den Mantel und riß ihn ab. Da
kamen die goldenen Haare hervor und sie stand da in voller Pracht
und konnte sich nicht länger verbergen. Und als sie Ruß und Asche
aus ihrem Gesicht gewischt hatte, da war sie schöner, als man noch
jemand auf Erden gesehen hatte. Der König aber sprach: "Du bist
meine liebe Braut, und wir scheiden nimmermehr voneinander."
Darauf ward die Hochzeit gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an
ihren Tod.

Bruder Lustig
Es war einmal ein
großer Krieg, und als der Krieg zu Ende war, bekamen viele Soldaten
ihren Abschied. Nun bekam der Bruder Lustig auch seinen Abschied und
sonst nichts als ein kleines Laibchen Kommißbrot und vier Kreuzer an
Geld; damit zog er fort. Der heilige Petrus aber hatte sich als ein
armer Bettler an den Weg gesetzt, und wie der Bruder Lustig
daherkam, bat er ihn um ein Almosen. Er antwortete: "Lieber
Bettelmann, was soll ich dir geben? Ich bin Soldat gewesen und habe
meinen Abschied bekommen, und habe sonst nichts als das kleine
Kommißbrot und vier Kreuzer Geld, wenn das all ist, muß ich betteln,
so gut wie du. Doch geben will ich dir was." Darauf teilte er den
Laib in vier Teile und gab davon dem Apostel einen und auch einen
Kreuzer.
Der heilige Petrus bedankte sich, ging weiter und setzte sich in
einer andern Gestalt wieder als Bettelmann dem Soldaten an den Weg,
und als er zu ihm kam, bat er ihn, wie das vorigemal, um eine Gabe.
Der Bruder Lustig sprach wie vorher und gab ihm wieder ein Viertel
von dem Brot und einen Kreuzer.
Der heilige Petrus bedankte sich und ging weiter, setzte sich aber
zum drittenmal in einer andern Gestalt als ein Bettler an den Weg
und sprach den Bruder Lustig an. Der Bruder Lustig gab ihm auch das
dritte Viertel Brot und den dritten Kreuzer. Der heilige Petrus
bedankte sich, und der Bruder Lustig ging weiter und hatte nicht
mehr als ein Viertel Brot und einen Kreuzer. Damit ging er in ein
Wirtshaus, aß das Brot und ließ sich für den Kreuzer Bier dazu
geben. Als er fertig war, zog er weiter, und da ging ihm der heilige
Petrus gleichfalls in der Gestalt eines verabschiedeten Soldaten
entgegen und redete ihn an : "Guten Tag, Kamerad, kannst du mir
nicht ein Stück Brot geben und einen Kreuzer zu einem Trunk?"
"Wo soll ichs hernehmen", antwortete der Bruder Lustig. "Ich habe
meinen Abschied und sonst nichts als einen Laib Kommißbrot und vier
Kreuzer an Geld bekommen. Drei Bettler sind mir auf der Landstraße
begegnet, davon hab ich jedem ein Viertel von meinem Brot und einen
Kreuzer Geld gegeben. Das letzte Viertel habe ich im Wirtshaus
gegessen und für den letzten Kreuzer dazu getrunken. Jetzt bin ich
leer, und wenn du auch nichts mehr hast, so können wir miteinander
betteln gehen."
"Nein" , antwortete der heilige Petrus, "das
wird just nicht nötig sein: ich verstehe mich ein wenig auf die
Doktorei, und damit will ich mir schon so viel verdienen, als ich
brauche."
"Ja", sagte der Bruder Lustig, "davon verstehe ich nichts, also muß
ich allein betteln gehen."
"Nun komm nur mit", sprach der heilige Petrus, "wenn ich was
verdiene, sollst du die Hälfte davon haben."
"Das ist mir wohl recht", sagte der Bruder Lustig. Also zogen sie
miteinander fort.
Nun kamen sie an ein Bauernhaus und hörten darin gewaltig jammern
und schreien, da gingen sie hinein, so lag der Mann darin auf den
Tod krank und war nah am Verscheiden, und die Frau heulte und weinte
ganz laut.
"Laßt Euer Heulen und Weinen", sprach der heilige Petrus, "ich will
den Mann wieder gesund machen." Er nahm eine Salbe aus der Tasche
und heilte den Kranken augenblicklich, so daß er aufstehen konnte
und ganz gesund war. Sprachen Mann und Frau in großer Freude: "Wie
können wir Euch lohnen? Was sollen wir Euch geben?" Der heilige
Petrus aber wollte nichts nehmen, und je mehr ihn die Bauersleute
baten, desto mehr weigerte er sich. Der Bruder Lustig aber stieß den
heiligen Petrus an und sagte: "So nimm doch was, wir brauchens ja."
Endlich brachte die Bäuerin ein Lamm und sprach zu dem heiligen
Petrus, das müßte er annehmen, aber er wollte es nicht. Da stieß ihn
der Bruder Lustig in die Seite und sprach: "Nimm´s doch, dummer
Teufel, wir brauchens ja."
Da sagte der heilige Petrus endlich: "Ja, das Lamm will ich nehmen,
aber ich trags nicht: wenn du´s willst, so mußt du es tragen."
"Das hat keine Not", sprach der Bruder Lustig, "das will ich schon
tragen", und nahm´s auf die Schulter. Nun gingen sie fort und kamen
in einen Wald, da war das Lamm dem Bruder Lustig schwer geworden, er
aber war hungrig, also sprach er zu dem heiligen Petrus: "Schau, da
ist ein schöner Platz, da könnten wir das Lamm kochen und
verzehren."
"Mir ists recht", antwortete der heilige
Petrus, "doch kann ich mit der Kocherei nicht umgehen: willst du
kochen, so hast du da einen Kessel, ich will derweil auf- und
abgehen, bis es gar ist. Du mußt aber nicht eher zu essen anfangen,
als bis ich wieder zurück bin; ich will schon zu rechter Zeit
kommen."
"Geh nur", sagte Bruder Lustig, "ich verstehe mich aufs Kochen, ich
wills schon machen." Da ging der heilige Petrus fort, und der Bruder
Lustig schlachtete das Lamm, machte Feuer an, warf das Fleisch in
den Kessel und kochte. Das Lamm war aber schon gar und der Apostel
immer noch nicht zurück, da nahm es der Bruder Lustig aus dem
Kessel, zerschnitt es und fand das Herz.
"Das soll das Beste sein", sprach er und versuchte es, zuletzt aber
aß er es ganz auf. Endlich kam der heilige Petrus zurück und sprach:
"Du kannst das ganze Lamm allein essen, ich will nur das Herz davon,
das gib mir." Da nahm Bruder Lustig Messer und Gabel, tat, als
suchte er eifrig in dem Lammfleisch herum, konnte aber das Herz
nicht finden; endlich sagte er kurzweg: "Es ist keins da."
"Nun, wo soll´s denn sein?", sagte der Apostel.
"Das weiß ich nicht", antwortete der Bruder Lustig, "aber schau, was
sind wir alle beide für Narren, suchen das Herz vom Lamm, und fällt
keinem von uns ein, ein Lamm hat ja kein Herz!"
"Ei," sprach der heilige Petrus, "das ist was ganz Neues, jedes Tier
hat ja ein Herz, warum sollt ein Lamm kein Herz haben?"
"Nein, gewißlich, Bruder, ein Lamm hat kein Herz, denk nur recht
nach, so wird dirs einfallen, es hat im Ernst keins."
"Nun, es ist schon gut", sagte der heilige Petrus, "ist kein Herz
da, so brauch ich auch nichts vom Lamm, du kannst´s allein essen."
"Was ich halt nicht aufessen kann, das nehm ich mit in meinem
Ranzen", sprach der Bruder Lustig, aß das halbe Lamm und steckte das
übrige in seinen Ranzen.
Sie gingen weiter, da machte der heilige Petrus, daß ein großes
Wasser quer über den Weg floß und sie hindurch mußten. Sprach der
heilige Petrus: "Geh du nur voran."
"Nein", antwortete der Bruder Lustig, "geh du voran" und dachte:
"Wenn dem das Wasser zu tief ist, so bleib ich zurück." Da schritt
der heilige Petrus hindurch, und das Wasser ging ihm nur bis ans
Knie. Nun wollte Bruder Lustig auch hindurch, aber das Wasser wurde
größer und stieg ihm an den Hals. Da rief er: "Bruder, hilf mir."
Sagte der heilige Petrus: "Willst du auch gestehen, daß du das Herz
von dem Lamm gegessen hast?"
"Nein", antwortete er, "ich hab es nicht gegessen." Da ward das
Wasser noch größer und stieg ihm bis an den Mund.
"Hilf mir, Bruder", rief der Soldat.
Sprach der heilige Petrus noch einmal: "Willst du auch gestehen, daß
du das Herz vom Lamm gegessen hast?"
"Nein", antwortete er, "ich hab es nicht gegessen."
Der heilige Petrus wollte ihn doch nicht ertrinken lassen, ließ das
Wasser wieder fallen und half ihm hinüber.
Nun zogen sie weiter, und kamen in ein Reich, da hörten sie, daß die
Königstochter todkrank läge.
"Hallo, Bruder", sprach der Soldat zum heiligen Petrus, "da ist ein
Fang für uns, wenn wir die gesund machen, so ist uns auf ewige
Zeiten geholfen." Da war ihm der heilige Petrus nicht geschwind
genug, "Nun, heb die Beine auf, Bruderherz", sprach er zu ihm, "daß
wir noch zu rechter Zeit hinkommen." Der heilige Petrus ging aber
immer langsamer, wie auch der Bruder Lustig ihn trieb und schob, bis
sie endlich hörten, die Königstochter wäre gestorben.
"Da haben wir´s", sprach der Bruder Lustig, "das kommt von deinem
schläfrigen Gang."
"Sei nur still", antwortete der heilige Petrus, "ich kann noch mehr
als Kranke gesund machen, ich kann auch Tote wieder ins Leben
erwecken."
"Nun, wenn das ist", sagte der Bruder Lustig, "so laß ich mir´s
gefallen, das halbe Königreich mußt du uns aber zum wenigsten damit
verdienen." Darauf gingen sie in das königliche Schloß, wo alles in
großer Trauer war: der heilige Petrus aber sagte zu dem König, er
wolle die Tochter wieder lebendig machen. Da ward er zu ihr geführt,
und dann sprach er: "Bringt mir einen Kessel mit Wasser", und wie
der gebracht war, hieß er jedermann hinausgehen, und nur der Bruder
Lustig durfte bei ihm bleiben. Darauf schnitt er alle Glieder der
Toten los und warf sie ins Wasser, machte Feuer unter den Kessel und
ließ sie kochen. Und wie alles Fleisch von den Knochen herabgefallen
war, nahm er das schöne weiße Gebein heraus und legte es auf eine
Tafel, und reihte und legte es nach seiner natürlichen Ordnung
zusammen. Als das geschehen war, trat er davor und sprach dreimal:
"Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Tote, steh auf." Und
beim drittenmal erhob sich die Königstochter lebendig, gesund und
schön. Nun war der König darüber in großer Freude und sprach zum
heiligen Petrus: "Begehre deinen Lohn, und wenns mein halbes
Königreich wäre, so will ich dir´s geben."
Der heilige Petrus aber antwortete: "Ich verlange nichts dafür."
"Oh, du Hans Narr!" dachte der Bruder Lustig bei sich, stieß seinen
Kameraden in die Seite und sprach: "Sei doch nicht so dumm, wenn du
nichts willst, so brauch ich doch was."
Der heilige Petrus aber wollte nichts; doch weil der König sah, daß
der andere gerne was wollte, ließ er ihm vom Schatzmeister seinen
Ranzen mit Gold anfüllen.
Sie zogen darauf weiter, und wie sie in einen Wald kamen, sprach der
heilige Petrus zum Bruder Lustig: "Jetzt wollen wir das Gold
teilen."
"Ja", antwortete er, "das wollen wir tun." Da teilte der heilige
Petrus das Gold und teilte es in drei Teile.
Dachte der Bruder Lustig: "Was er wieder für einen Sparren im Kopf
hat! Macht drei Teile, und unser sind zwei."
Der heilige Petrus aber sprach: "Nun habe ich genau geteilt, ein
Teil für mich, ein Teil für dich, und ein Teil für den, der das Herz
vom Lamm gegessen hat."
"O, das hab ich gegessen", antwortete der Bruder Lustig und strich
geschwind das Gold ein. "Das kannst du mir glauben."
"Wie kann das wahr sein", sprach der heilige Petrus, "ein Lamm hat
ja kein Herz."
"Ei, was, Bruder, wo denkst du hin! Ein Lamm hat ja ein Herz, so gut
wie jedes Tier, warum sollte das allein keins haben?"
"Nun, es ist schon gut", sagte der heilige Petrus, "behalt das Gold
allein, aber ich bleibe nicht mehr bei dir und will meinen Weg
allein gehen."
"Wie du willst, Bruderherz", antwortete der Soldat, "leb wohl."
Da ging der heilige Petrus eine andere Straße. Bruder Lustig aber
dachte: "Es ist gut, daß er abtrabt, es ist doch ein wunderlicher
Heiliger." Nun hatte er zwar Geld genug, wußte aber nicht mit
umzugehen, vertat´s, verschenkt´s, und wie eine Zeit herum war,
hatte er wieder nichts. Da kam er in ein Land, wo er hörte, daß die
Königstochter gestorben wäre. "Holla!" dachte er, "das kann gut
werden, die will ich wieder lebendig machen und mirs bezahlen
lassen, daß es eine Art hat." Ging also zum König und bot ihm an,
die Tote wieder zu erwecken. Nun hatte der König gehört, daß ein
abgedankter Soldat herumziehe und die Gestorbenen wieder lebendig
mache, und dachte, der Bruder Lustig wäre dieser Mann, doch weil er
kein Vertrauen zu ihm hatte, fragte er erst seine Räte, die sagten
aber, er könnte es wagen, da seine Tochter doch tot wäre.
Nun ließ sich der Bruder Lustig Wasser im Kessel bringen, hieß
jedermann hinausgehen, schnitt die Glieder ab, warf sie ins Wasser
und machte Feuer darunter, gerade wie er es beim heiligen Petrus
gesehen hatte. Das Wasser fing an zu kochen, und das Fleisch fiel
herab, da nahm er das Gebein heraus und tat es auf die Tafel; er
wußte aber nicht, in welcher Ordnung es liegen mußte und legte alles
verkehrt durcheinander. Dann stellte er sich davor und sprach: "Im
Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Tote, steh auf" und
sprachs dreimal, aber die Gebeine rührten sich nicht. Da sprach er
es noch dreimal, abergleichfalls umsonst.
"Du Blitzmädel, steh auf", rief er, "steh auf, oder es geht dir
nicht gut."
Wie er das gesprochen, kam der heilige Petrus auf einmal in seiner
vorigen Gestalt, als verabschiedeter Soldat, durchs Fenster
hereingegangen und sprach: "Du gottloser Mensch, was treibst du da,
wie kann die Tote auferstehen, da du ihr Gebein so untereinander
geworfen hast?"
"Bruderherz, ich hab´s gemacht, so gut ich konnte", antwortete er.
"Diesmal will ich dir aus der Not helfen, aber das sag ich dir, wo
du noch einmal so etwas unternimmst, so bist du unglücklich, auch
darfst du von dem König nicht das Geringste dafür begehren oder
annehmen." Darauf legte der heilige Petrus die Gebeine in ihre
rechte Ordnung, sprach dreimal zu ihr: "Im Namen der allerheiligsten
Dreifaltigkeit, Tote, steh auf", und die Königstochter stand auf,
war gesund und schön wie vorher. Nun ging der heilige Petrus wieder
durchs Fenster hinaus: der Bruder Lustig war froh, daß es so gut
abgelaufen war, ärgerte sich aber doch, daß er nichts dafür nehmen
sollte.
"Ich möchte nur wissen", dachte er, "was der für Mucken im Kopf hat,
denn was er mit der einen Hand gibt, das nimmt er mit der andern: da
ist kein Verstand drin." Nun bot der König dem Bruder Lustig an, was
er haben wollte, er durfte aber nichts nehmen, doch brachte er es
durch Anspielung und Listigkeit dahin, daß ihm der König seinen
Ranzen mit Gold füllen ließ, und damit zog er ab. Als er hinauskam,
stand vor dem Tor der heilige Petrus und sprach: "Schau, was du für
ein Mensch bist, habe ich dir nicht verboten, etwas zu nehmen, und
nun hast du den Ranzen doch voll Gold."
"Was kann ich dafür", antwortete Bruder Lustig, "wenn mir´s
hineingesteckt wird."
"Das sag ich dir, daß du nicht zum zweitenmal solche Dinge
unternimmst, sonst soll es dir schlimm ergehen."
"Ei, Bruder, sorg doch nicht, jetzt hab ich Gold, was soll ich mich
da mit dem Knochenwaschen abgeben."
"Ja", sprach der heilige Petrus, "das Gold wird lang dauern! Damit
du aber hernach nicht wieder auf unerlaubten Wegen gehst, so will
ich deinem Ranzen die Kraft geben, daß alles, was du dir
hineinwünschest, auch darin sein soll. Leb wohl, du siehst mich nun
nicht wieder."
"Gott befohlen", sprach der Bruder Lustig und dachte: "Ich bin froh,
daß du fortgehst, du wunderlicher Kauz, ich will dir wohl nicht
nachgehen." An die Wunderkraft aber, die seinem Ranzen verliehen
war, dachte er nicht weiter.
Bruder Lustig zog mit seinem Gold umher, und vertat´s und
verfumfeit´s wie das erstemal. Als er nun nichts mehr als vier
Kreuzer hatte, kam er an einem Wirtshaus vorbei und dachte: "Das
Geld muß fort" und ließ sich für drei Kreuzer Wein und einen Kreuzer
Brot geben. Wie er da saß und trank, kam ihm der Geruch von
gebratenen Gänsen in die Nase. Bruder Lustig schaute und guckte, und
sah, daß der Wirt zwei Gänse in der Ofenröhre stehen hatte. Da fiel
ihm ein, daß ihm sein Kamerad gesagt hatte, was er sich in seinen
Ranzen wünschte, das sollte darin sein. "Holla, das mußt du mit den
Gänsen versuchen!" Also ging er hinaus, und vor der Türe sprach er:
"So wünsch ich die zwei gebratenen Gänse aus der Ofenröhre in meinen
Ranzen."
Wie er das gesagt hatte, schnallte er ihn auf und schaute hinein, da
lagen sie beide darin. "Ach, so ist´s recht", sprach er, "nun bin
ich ein gemachter Kerl." Er ging fort auf eine Wiese und holte den
Braten hervor. Wie er so im besten Essen war, kamen zwei
Handwerksburschen daher und sahen die eine Gans, die noch nicht
angerührt war, mit hungrigen Augen an. Dachte der Bruder Lustig "Mit
einer hast du genug", rief die zwei Burschen herbei und sprach: "Da
nehmt die Gans und verzehrt sie auf meine Gesundheit." Sie bedankten
sich, gingen damit ins Wirtshaus, ließen sich eine Halbe Wein und
ein Brot geben, packten die geschenkte Gans aus und fingen an zu
essen. Die Wirtin sah zu und sprach zu ihrem Mann: "Die zwei essen
eine Gans, sieh doch nach, ob´s nicht eine von unsern aus der
Ofenröhre ist."
Der Wirt lief hin, da war die Ofenröhre leer: "Was, ihr
Diebsgesindel, so wohlfeil wollt ihr Gänse essen! Gleich bezahlt,
oder ich will euch mit grünem Haselsaft waschen."
Die zwei sprachen: "Wir sind keine Diebe, ein abgedankter Soldat hat
uns die Gans draußen auf der Wiese geschenkt."
"Ihr sollt mir keine Nase drehen, der Soldat ist hier gewesen, aber
als ein ehrlicher Kerl zur Tür hinaus gegangen, auf den hab ich acht
gehabt: ihr seid die Diebe und sollt bezahlen." Da sie aber nicht
bezahlen konnten, nahm er den Stock und prügelte sie zur Türe
hinaus.
Bruder Lustig ging seiner Wege und kam an einen Ort, da stand ein
prächtiges Schloß und nicht weit davon ein schlechtes Wirtshaus. Er
ging in das Wirtshaus und bat um ein Nachtlager, aber der Wirt wies
ihn ab und sprach: "Es ist kein Platz mehr da, das Haus ist voll
vornehmer Gäste."
"Das nimmt mich wunder", sprach der Bruder Lustig, "daß sie zu Euch
kommen und nicht in das prächtige Schloß gehen."
"Ja", antwortete der Wirt, "es hat was an sich, dort eine Nacht zu
liegen, wer´s noch versucht hat, ist nicht lebendig wieder
herausgekommen."
"Wenns andere versucht haben", sagte der Bruder Lustig, "will ich´s
auch versuchen."
"Das laßt nur bleiben", sprach der Wirt, "es geht Euch an den Hals."
"Es wird nicht gleich an den Hals gehen", sagte der Bruder Lustig,
"gebt mir nur die Schlüssel und brav Essen und Trinken mit." Nun gab
ihm der Wirt die Schlüssel und Essen und Trinken, und damit ging der
Bruder Lustig ins Schloß, ließ sich´s gut schmecken, und als er
endlich schläfrig wurde, legte er sich auf die Erde, denn es war
kein Bett da. Er schlief auch bald ein, in der Nacht aber wurde er
von einem großen Lärm aufgeweckt, und wie er sich ermunterte, sah er
neun häßliche Teufel in dem Zimmer, die hatten einen Kreis um ihn
gemacht und tanzten um ihn herum. Sprach der Bruder Lustig: "Nun
tanzt, solang ihr wollt, aber komm mir keiner zu nah."
Die Teufel aber drangen immer näher auf ihn ein und traten ihm mit
ihren garstigen Füßen fast ins Gesicht. "Habt Ruh, ihr
Teufelsgespenster", sprach er, aber sie triebens immer ärger. Da
ward der Bruder Lustig bös und rief: "Holla, ich will bald Ruhe
stiften!" kriegte ein Stuhlbein und schlug mitten hinein. Aber neun
Teufel gegen einen Soldaten war doch zuviel, und wenn er auf den
vordern zuschlug, so packten ihn die andern hinten bei den Haaren
und rissen ihn erbärmlich. "Teufelspack", rief er, "jetzt wird mir´s
zu arg: wartet aber! Alle neune in meinen Ranzen hinein!" Husch,
steckten sie darin, und nun schnallte er ihn zu und warf ihn in eine
Ecke. Da wars auf einmal still, und Bruder Lustig legte sich wieder
hin und schlief bis an den hellen Morgen. Nun kamen der Wirt und der
Edelmann, dem das Schloß gehörte, und wollten sehen, wie es ihm
ergangen wäre; als sie ihn gesund und munter erblickten, erstaunten
sie und fragten: "Haben Euch denn die Geister nichts getan?"
"Warum nicht gar", antwortete Bruder Lustig, "ich habe sie alle
neune in meinem Ranzen. Ihr könnt Euer Schloß wieder ganz ruhig
bewohnen, es wird von nun an keiner mehr darin umgehen!" Da dankte
ihm der Edelmann, beschenkte ihn reichlich und bat ihn, in seinen
Diensten zu bleiben, er wollte ihn auf sein Lebtag versorgen.
"Nein", antwortete er, "ich bin an das Herumwandern gewöhnt, ich
will weiterziehen." Da ging der Bruder Lustig fort, trat in eine
Schmiede und legte den Ranzen, worin die neun Teufel waren, auf den
Amboß, und bat den Schmied und seine Gesellen zuzuschlagen. Die
schlugen mit ihren großen Hämmern aus allen Kräften zu, daß die
Teufel ein erbärmliches Gekreisch erhoben. Wie er danach den Ranzen
aufmachte, waren achte tot, einer aber, der in einer Falte gesessen
hatte, war noch lebendig, schlüpfte heraus und fuhr wieder in die
Hölle.
Darauf zog der Bruder Lustig noch lange in der Welt herum, und wer´s
wüßte, könnte viel davon erzählen. Endlich aber wurde er alt und
dachte an sein Ende, da ging er zu einem Einsiedler, der als ein
frommer Mann bekannt war, und sprach zu ihm: "Ich bin das Wandern
müde und will nun trachten, in das Himmelreich zu kommen."
Der Einsiedler antwortete: "Es gibt zwei Wege, der eine ist breit
und angenehm und führt zur Hölle, der andere ist eng und rauh und
führt zum Himmel."
"Da müßt ich ein Narr sein", dachte der Bruder Lustig, "wenn ich den
engen und rauhen Weg gehen sollte." Machte sich auf und ging den
breiten und angenehmen Weg, und kam endlich zu einem großen
schwarzen Tor, und das war das Tor der Hölle. Bruder Lustig klopfte
an, und der Torwächter guckte, wer da wäre. Wie er aber den Bruder
Lustig sah, erschrak er, denn er war gerade der neunte Teufel, der
mit in dem Ranzen gesteckt hatte und mit einem blauen Auge
davongekommen war. Darum schob er den Riegel geschwind wieder vor,
lief zum Obersten der Teufel und sprach: "Draußen ist ein Kerl mit
einem Ranzen und will herein, aber laßt ihn beileibe nicht herein,
er wünscht sonst die ganze Hölle in seinen Ranzen. Er hat mich
einmal garstig darin hämmern lassen."
Also ward dem Bruder Lustig hinausgerufen, er sollte wieder abgehen,
er käme nicht herein. "Wenn sie mich da nicht wollen", dachte er,
"will ich sehen, ob ich im Himmel ein Unterkommen finde, irgendwo
muß ich doch bleiben."
Kehrte also um und zog weiter, bis er vor das Himmelstor kam, wo er
auch anklopfte. Der heilige Petrus saß gerade dabei als Torwächter:
Der Bruder Lustig erkannte ihn gleich und dachte: "Hier findest du
einen alten Freund, da wirds besser gehen." Aber der heilige Petrus
sprach: "Ich glaube gar, du willst in den Himmel?"
"Laß mich doch ein, Bruder, ich muß doch wo einkehren; hätten sie
mich in der Hölle aufgenommen, so wär ich nicht hierher gegangen."
"Nein", sagte der heilige Petrus, "du kommst nicht herein."
"Nun, willst du mich nicht einlassen, so nimm auch deinen Ranzen
wieder: dann will ich gar nichts von dir haben", sprach der Bruder
Lustig.
"So gib ihn her", sagte der heilige Petrus. Da reichte er den Ranzen
durchs Gitter in den Himmel hinein, und der heilige Petrus nahm ihn
und hing ihn neben seinen Sessel auf. Da sprach der Bruder Lustig:
"Nun wünsch ich mich selbst in meinen Ranzen hinein."
Husch, war er darin, und saß nun im Himmel, und der heilige Petrus
mußte ihn darin lassen.

Brüderchen und Schwesterchen
Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand
und sprach: "Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde
mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage und stößt uns mit den
Füßen fort. Die harten Brotkrusten, die übrigbleiben, sind unsere
Speise, und dem Hündchen unter dem Tisch geht's besser, dem wirft
sie doch manchmal einen guten Bissen zu. Daß Gott erbarm, wenn das
unsere Mutter wüßte! Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt
gehen." Sie gingen den ganzen Tag, und wenn es regnete, sprach das
Schwesterlein: "Gott und unsere Herzen, die weinen zusammen!"
Abends kamen sie in einen großen Wald und waren so müde von Jammer,
vom Hunger und von dem langen Weg, daß sie sich in einen hohlen Baum
setzten und einschliefen.
Am andern Morgen, als sie aufwachten, stand die Sonne schon hoch am
Himmel und schien heiß in den Baum hinein. Da sprach das Brüderchen:
"Schwesterchen, mich dürstet, wenn ich ein Brünnlein wüßte, ich
ging' und tränk' einmal; ich mein', ich hört' eins rauschen."
Brüderchen stand auf, nahm Schwesterchen an der Hand, und sie
wollten das Brünnlein suchen. Die böse Stiefmutter aber war eine
Hexe und hatte wohl gesehen, wie die beiden Kinder fortgegangen
waren, war ihnen nachgeschlichen, heimlich, wie die Hexen
schleichen, und hatte alle Brunnen im Walde verwünscht.
Als sie nun ein Brünnlein fanden, das so glitzerig über die Steine
sprang, wollte das Brüderchen daraus trinken; aber das Schwesterchen
hörte, wie es im Rauschen sprach: "Wer aus mir trinkt, wird ein
Tiger."—Da rief das Schwesterchen: "Ich bitte dich, Brüderchen,
trink nicht, sonst wirst du ein wildes Tier und zerreißt mich." Das
Brüderchen trank nicht, obgleich es so großen Durst hatte, und
sprach: "Ich will warten bis zur nächsten Quelle."
Als sie zum zweiten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterchen, wie
auch dieses sprach: "Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf, wer aus mir
trinkt, wird ein Wolf."—Da rief das Schwesterchen: "Brüderchen, ich
bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf und frissest
mich."—Das Brüderchen trank nicht und sprach: "Ich will warten, bis
wir zur nächsten Quelle kommen, aber dann muß ich trinken, du magst
sagen, was du willst; mein Durst ist gar zu groß."
Und als sie zum dritten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterlein,
wie es im Rauschen sprach: , Wer aus mir trinkt, wird ein Reh, wer
aus mir trinkt, wird ein Reh."— Das Schwesterchen sprach: "Ach,
Brüderchen, trink nicht, sonst wirst du ein Reh und läufst mir
fort." Aber das Brüderchen hatte sich gleich beim Brünnlein
niedergekniet, und von dem Wasser getrunken, und wie die ersten
Tropfen auf seine Lip pen gekommen waren, lag es da als ein
Rehkälbchen.
Nun weinte das Schwesterchen über das arme verwünschte Brüderchen,
und das Rehchen weinte auch und saß so traurig neben ihm. Da sprach
das Mädchen endlich: "Sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja
nimmermehr verlassen. Dann band es sein goldenes Strumpfband ab und
tat es dem Rehchen um den Hals und rupfte Binsen und flocht ein
weiches Seil daraus. Daran band es das Tierchen und führte es weiter
und ging immer tiefer in den Wald hinein. Und als sie lange, lange
gegangen waren, kamen sie endlich an ein kleines Haus, und das
Mädchen schaute hinein, und weil es leer war, dachte es: ,Hier
können wir bleiben und wohnen.' Da suchte es dem Rehchen Laub und
Moos zu einem weichen Lager, und jeden Morgen ging es aus und
sammelte Wurzeln, Beeren und Nüsse, und für das
Rehchen brachte es zartes Gras mit, war
vergnügt und spielte vor ihm herum. Abends, wenn Schwesterchen müde
war und sein Gebet gesagt hatte, legte es seinen Kopf auf den Rücken
des Rehkälbchens, das war sein Kissen, darauf es sanft einschlief.
Und hätte das Brüderchen nur seine menschliche Gestalt gehabt, es
wäre ein herrliches Leben gewesen.
Das dauerte eine Zeitlang, daß sie so allein in der Wildnis waren.
Es trug sich aber zu, daß der König des Landes eine große Jagd in
dem Wald hielt. Da schallte das Hörnerblasen, Hundegebell und das
lustige Geschrei der Jäger durch die Bäume, und das Rehlein hörte es
und wäre gar zu gerne dabeigewesen. "Ach", sprach es zum
Schwesterlein, "laß mich hinaus in die Jagd, ich kann's nicht länger
mehr aushalten", und bat so lange, bis es einwilligte. "Aber",
sprach es zu ihm, "komm mir ja abends wieder, vor den wilden Jägern
schließ' ich mein Türlein; und damit ich dich kenne, so klopf und
sprich: ,Mein Schwesterlein, laß mich herein!' Und wenn du nicht so
sprichst, so schließ ich mein Türlein nicht auf. " Nun sprang das
Rehchen hinaus und es war ihm so wohl und es war so lustig in freier
Luft. Der König und seine Jäger sahen das schöne Tier und setzten
ihm nach, aber sie konnten es nicht einholen, und wenn sie meinten,
sie hätten es gewiß, da sprang es über das Gebüsch weg und war
verschwunden. Als es dunkel ward, lief es zu dem Häuschen, klopfte
und sprach: "Mein Schwesterlein, laß mich herein." Da ward ihm die
kleine Tür aufgetan, es sprang hinein und ruhete sich die ganze
Nacht auf seinem weichen Lager aus. Am andern Morgen ging die Jagd
von neuem an, und als das Rehlein wieder das Hifthorn hörte und das
,Ho ho !' der Jäger, da hatte es keine Ruhe und sprach:
"Schwesterchen, mach mir auf, ich muß hinaus." Das Schwesterchen
öffnete ihm die Tür und sprach: "Aber zu Abend mußt du wieder da
sein und dein Sprüchlein sagen."
Als der König und seine Jäger das Rehlein mit dem goldenen Halsband
wiedersahen, jagten sie ihm alle nach, aber es war ihnen zu schnell
und behend. Das währte den ganzen Tag, endlich aber hatten es die
Jäger abends umzingelt, und einer verwundete es ein wenig am Fuß, so
daß es hinken mußte und langsam fortlief. Da schlich ihm ein Jäger
nach bis zu dem Häuschen und hörte, wie es rief: "Mein
Schwesterlein, laß mich herein", und sah, daß die Tür ihm aufgetan
und alsbald wieder zugeschlossen ward. Der Jäger ging zum König und
erzählte ihm, was er gesehen und gehört hatte. Da sprach der König:
"Morgen soll noch einmal gejagt werden."
Das Schwesterchen aber erschrak gewaltig, als es sah, daß sein
Rehkälbchen verwundet war. Es wusch ihm das Blut ab, legte Kräuter
auf und sprach: "Geh auf dein Lager, lieb Rehchen, daß du wieder
heil wirst." Die Wunde aber war so gering, daß das Rehchen am Morgen
nichts mehr davon spürte. Und als es die Jagdlust wieder draußen
hörte, sprach es: "Ich kann's nicht aushalten, ich muß dabeisein!"
Das Schwesterchen weinte und sprach: "Nun werden sie dich töten, und
ich bin hier allein im Wald und bin verlassen von aller Welt, ich
lass' dich nicht hinaus."—"So sterb' ich dir hier vor Betrübnis",
antwortete das Rehchen, "wenn ich das Hifthorn höre, so mein' ich,
ich müßt' aus den Schuhen springen!" Da konnte das Schwesterchen
nicht anders und schloß ihm mit schwerem Herzen die Tür auf, und das
Rehchen sprang gesund und fröhlich in den Wald. Als es der König
erblickte, sprach er zu seinen Jägern: "Nun jagt ihm nach den ganzen
Tag bis in die Nacht, aber daß ihm keiner etwas zuleide tut."
Sobald die Sonne untergegangen war, sprach der
König zum Jäger: "Nun komm und zeige mir das Waldhäuschen." Und als
er vor dem Türlein war, klopfte er an und rief: "Lieb Schwesterlein,
laß mich herein." Da ging die Tür auf, und der König trat herein,
und da stand ein Mädchen, das war so schön, wie er noch keines
gesehen hatte. Das Mädchen erschrak, als es sah, daß ein Mann
hereinkam, der eine goldene Krone auf dem Haupt hatte. Aber der
König sah es freundlich an, reichte ihm die Hand und sprach: "Willst
du mit mir gehen auf mein Schloß und meine liebe Frau sein?"—"Ach
ja", antwortete das Mädchen, "aber das Rehchen muß auch mit, das
verlass' ich nicht." Sprach der König: "Es soll bei dir bleiben,
solange du lebst, und es soll ihm an nichts fehlen." Indem kam es
hereingesprungen; da band es das Schwesterchen wieder an das
Binsenseil, nahm es selbst in die Hand und ging mit ihm aus dem
Waldhäuschen fort.
Der König nahm das schöne Mädchen auf sein Pferd und führte es in
sein Schloß, wo die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert wurde, und
es war nun die Frau Königin, und sie lebten lange Zeit vergnügt
zusammen; das Rehlein ward gehegt und gepflegt und sprang in dem
Schloßgarten herum.
Die böse Stiefmutter aber, um derentwillen die Kinder in die Welt
hineingegangen waren, die meinte nicht anders als, Schwesterchen
wäre von den wilden Tieren im Walde zerrissen worden und Brüderchen
als ein Rehkalb von den Jägern totgeschossen. Als sie nun hörte, daß
sie so glücklich waren und es ihnen so wohlging, da wurden Neid und
Mißgunst in ihrem Herzen rege und ließen ihr keine Ruhe, wie sie die
beiden doch noch ins Unglück bringen könnte. Ihre rechte Tochter,
die häßlich war wie die Nacht und nur ein Auge hatte, die machte ihr
Vorwürfe und sprach: Eine Königin zu werden, das Glück hätte mir
gebührt."—"Sei nur still", sagte die Alte und sprach sie zufrieden,
wenn's Zeit ist, will ich schon bei der Hand sein." Als nun die Zeit
herangerückt war und die Königin ein schönes Knäblein zur Welt
gebracht hatte und der König gerade auf der Jagd war, nahm die alte
Hexe die Gestalt der Kammerfrau an, trat in die Stube, wo die
Königin lag, und sprach zu der Kranken: "Kommt, das Bad ist fertig,
das wird Euch wohltun und frische Kräfte geben; geschwind, eh' es
kalt wird." Ihre Tochter war auch bei der Hand, sie trugen die
schwache Königin in die Badstube und legten sie in die Wanne. Dann
schlossen sie die Türe ab und liefen davon. In der Badstube aber
hatten sie ein rechtes Höllenfeuer angemacht, daß die schöne junge
Königin bald ersticken mußte.
Als das vollbracht war, nahm die Alte ihre
Tochter, setzte ihr eine Haube auf und legte sie ins Bett an der
Königin Stelle. Sie gab ihr auch die Gestalt und das Ansehen der
Königin; nur das verlorene Auge konnte sie ihr nicht wiedergeben.
Damit es aber der König nicht merkte, mußte sie sich auf die Seite
legen, wo sie kein Auge hatte. Am Abend, als er heimkam und hörte,
daß ihm ein Söhnlein geboren war, freute er sich herzlich und wollte
ans Bett seiner lieben Frau gehen und sehen, was sie machte. Da rief
die Alte geschwind: "Beileibe, laßt die Vorhänge zu, die Königin
darf noch nicht ins Licht sehen und muß Ruhe haben." Der König ging
zurück und wußte nicht, daß eine falsche Königin im Bette lag.
Als es aber Mitternacht war und alles schlief, da sah die
Kinderfrau, die in der Kinderstube neben der Wiege saß und allein
noch wachte, wie die Tür aufging und die rechte Königin hereintrat.
Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm
zu trinken. Dann schüttelte sie ihm sein Kißchen, legte es wieder
hinein. Sie vergaß aber auch das Rehchen nicht, ging in die Ecke, wo
es lag, und streichelte ihm über den Rücken. Darauf ging sie wieder
zur Tür hinaus, und die Kinderfrau fragte am andern Morgen die
Wächter, ob jemand während der Nacht ins Schloß gegangen wäre, aber
sie antworteten: "Nein, wir haben niemand gesehen." So kam sie viele
Nächte und sprach niemals ein Wort dabei; die Kinderfrau sah sie
immer, aber sie getraute sich nicht, jemand etwas davon zu sagen.
Als nun so eine Zeit verflossen war, da hub die Königin in der Nacht
an zu reden und sprach: "Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?
Nun komm' ich noch zweimal und dann nimmermehr." Die Kinderfrau
antwortete ihr nicht, aber als sie wieder verschwunden war, ging sie
zum König und erzählte ihm alles. Sprach der König: "Ach Gott, was
ist das? Ich will in der nächsten Nacht bei dem Kinde wachen."
Abends ging er in die Kinderstube, aber um Mitternacht erschien die
Königin und sprach: "Was macht mein Kind? Was macht mein Reh? Nun
komm' ich noch einmal und dann nimmermehr", und pflegte dann das
Kind, wie sie gewöhnlich tat, ehe sie verschwand. Der König getraute
sich nicht, sie anzureden, aber er wachte auch in der folgenden
Nacht. Sie sprach abermals: "Was macht mein Kind? Was macht mein
Reh? Nun komm' ich noch diesmal und dann nimmermehr." Da konnte sich
der König nicht zurückhalten, sprang zu ihr und sprach: "Du kannst
niemand anders sein als meine liebe Frau." Da antwortete sie: "Ja,
ich bin deine liebe Frau", und hatte in dem Augenblick durch Gottes
Gnade das Leben wiedererhalten, war frisch, rot und gesund. Darauf
erzählte sie dem König den Frevel, den die böse Hexe und ihre
Tochter an ihr verübt hatten. Der König ließ beide vor Gericht
führen, und es ward ihnen das Urteil gesprochen. Die Tochter ward in
den Wald geführt, wo sie die wilden Tiere zerrissen, die Hexe aber
ward ins Feuer gelegt und mußte jammervoll verbrennen. Und wie sie
zu Asche verbrannt war, verwandelte sich das Rehkälbchen und erhielt
seine menschliche Gestalt wieder; Schwesterchen und Brüderchen aber
lebten glücklich zusammen bis an ihr Ende.
Das Riesenspielzeug
Im Elsaß auf der Burg Nideck, die an einem
hohen Berg bei einem Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten
große Riesen. Einmal ging das Riesenfräulein herab ins Tal, wollte
sehen, wie es da unten wäre, und kam bis fast nach Haslach auf ein
vor dem Wald gelegenes Ackerfeld, das gerade von den Bauern bestellt
ward. Es blieb vor Verwunderung stehen und schaute den Pflug, die
Pferde und Leute an, das ihr alles etwas Neues war. „Ei", sprach sie
und ging herzu, „das nehm ich mir mit." Da kniete sie nieder zur
Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich mit der Hand über das Feld,
fing alles zusammen und tat's hinein. Nun lief sie ganz vergnügt
nach Haus, den Felsen hinaufspringend; wo der Berg so jäh ist, daß
ein Mensch mühsam klettern muß, da tat sie einen Schritt und war
droben.
Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. „Ei, mein Kind",
sprach er, „was bringst du da, die Freude schaut dir ja aus den
Augen heraus." Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn
hineinblicken. „Was hast du so Zappeliges darin?" - „Ei Vater, gar
zu artiges Spielding! So was Schönes hab ich mein Lebtag noch nicht
gehabt." Darauf nahm sie eins nach dem andern heraus und stellte es
auf den Tisch: den Pflug, die Bauern mit ihren Pferden; lief herum,
schaute es an, lachte und schlug vor Freude in die Hände, wie sich
das kleine Wesen darauf hin- und herbewegte. Der Vater aber sprach:
„Kind, das ist kein Spielzeug, da hast du was Schönes angestiftet!
Geh nur gleich und trag's wieder hinab ins Tal." Das Fräulein
weinte, es half aber nichts. „Mir ist der Bauer kein Spielzeug",
sagt der Ritter ernsthaftig, „ich leid's nicht, daß du mir murrst,
kram alles sachte wieder ein und trag's an den nämlichen Platz, wo
du's genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so haben
wir Riesen auf unserm Felsennest nichts zu leben."

Das tapfere Schneiderlein
An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein
auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus
Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief:
»Gut Mus feil! Gut Mus feil!«
Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein
zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: »Hierherauf, liebe Frau,
hier wird Sie Ihre Ware los.«
Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem
Schneider herauf und mußte die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er
besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte
endlich: »Das Mus scheint mir gut, wieg Sie mir doch vier Lot ab,
liebe Frau, wenn's auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht
darauf an.«
Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab
ihm, was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig fort.
»Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen«, rief das Schneiderlein, »und
soll mir Kraft und Stärke geben«, holte das Brot aus dem Schrank,
schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus
darüber. »Das wird nicht bitter schmecken«, sprach er, »aber erst
will ich den Wams fertigmachen, eh ich anbeiße.«
Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude
immer größere Stiche. Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus
hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie
herangelockt wurden und sich scharenweis darauf niederließen. »Ei,
wer hat euch eingeladen?« sprach das Schneiderlein und jagte die
ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch
verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer
größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie
man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle nach
einem Tuchlappen, und »Wart, ich will es euch geben!« schlug es
unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger
als sieben vor ihm tot und streckten die Beine.
»Bist du so ein Kerl?« sprach er und mußte selbst seine Tapferkeit
bewundern. »Das soll die ganze Stadt erfahren.« Und in der Hast
schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte
mit großen Buchstaben darauf »Siebene auf einen Streich!«
»Ei was, Stadt!« sprach er weiter, »die ganze Welt soll's erfahren!«
Und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen. Der
Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt
hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine
Tapferkeit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre,
was er mitnehmen könnte. Er fand aber nichts als einen alten Käs,
den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich
im Gesträuch gefangen hatte, der mußte zu dem Käse in die Tasche.
Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht
und behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf
einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da
ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das
Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach:
»Guten Tag, Kamerad, gelt, du sitzest da und besiehst dir die
weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem Weg dahin und will mich
versuchen. Hast du Lust, mitzugehen?«
Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: »Du Lump! Du
miserabler Kerl!«
»Das wäre!« antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und
zeigte dem Riesen den Gürtel. »Da kannst du lesen, was ich für ein
Mann bin.«
Der Riese las »Siebene auf einen Streich«, meinte, das wären
Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte
ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst
prüfen, nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, daß
das Wasser heraustropfte.
»Das mach mir nach«, sprach der Riese, »wenn du Stärke hast.«
»Ist's weiter nichts?« sagte das Schneiderlein. »Das ist bei
unsereinem Spielwerk«, griff in die Tasche, holte den weichen Käs
und drückte ihn, daß der Saft herauslief. »Gelt«, sprach er, »das
war ein wenig besser?«
Der Riese wußte nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem
Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf
ihn so hoch, daß man ihn mit Augen kaum noch sehen konnte.
»Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach.«
»Gut geworfen«, sagte der Schneider, »aber der Stein hat doch wieder
zur Erde herabfallen müssen. Ich will dir einen werfen, der soll gar
nicht wiederkommen«, griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf
ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf,
flog fort und kam nicht wieder. »Wie gefällt dir das Stückchen,
Kamerad?« fragte der Schneider.
»Werfen kannst du wohl«, sagte der Riese, »aber nun wollen wir
sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.« Er führte
das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf
dem Boden lag, und sagte. »Wenn du stark genug bist, so hilf mir den
Baum aus dem Wald heraustragen.«
»Gerne«, antwortete der kleine Mann, »nimm du nur den Stamm auf
deine Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und
tragen, das ist doch das schwerste.«
Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der
Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich
nicht umsehen konnte, mußte den ganzen Baum und das Schneiderlein
noch obendrein forttragen. Es war dahinten ganz lustig und guter
Dinge, pfiff das Liedchen »Es ritten drei Schneider zum Tore
hinaus«, als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem
er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte
nicht weiter und rief: »Hör, ich muß den Baum fallen lassen.« Der
Schneider sprang behendiglich herab, faßte den Baum mit beiden
Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen: »Du
bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.«
Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum
vorbeikamen, faßte der Riese die Krone des Baumes, wo die zeitigsten
Früchte hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und
hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den
Baum zu halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die
Höhe, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er
wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: »Was ist
das, hast du nicht die Kraft, die schwache Gerte zu halten?«
»An der Kraft fehlt es nicht«, antwortete das Schneiderlein,«meinst
du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich
getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da
unten in das Gebüsch schießen. Spring nach, wenn du's vermagst.«
Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum
kommen, sondern blieb in den Ästen hängen, also daß das
Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt.
Der Riese sprach: »Wenn du ein so tapferer Kerl bist, so komm mit in
unsere Höhle und übernachte bei uns.«
Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle
anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte
ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah
sich um und dachte, es ist doch hier viel weitläufiger als in meiner
Werkstatt.
Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er solle sich hineinlegen
und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß, es
legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es
Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein läge in
tiefem Schlafe, so stand er auf, nahm eine große Eisenstange, schlug
das Bett mit einem Schlag durch und meinte, er hätte dem Grashüpfer
den Garaus gemacht. Mit dem frühsten Morgen gingen die Riesen in den
Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf
einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen
erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen in einer
Hast fort.
Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner
spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof
eines königlichen Palastes, und da es Müdigkeit empfand, so legte es
sich ins Gras und schlief ein. Während es da lag, kamen die Leute,
betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel »Siebene
auf einen Streich.«
»Ach«, sprachen sie, »was will der große Kriegsheld hier mitten im
Frieden? Das muß ein mächtiger Herr sein.«
Sie gingen und meldeten es dem König und meinten, wenn Krieg
ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den
man um keinen Preis fortlassen dürfte. Dem König gefiel der Rat, und
er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der
sollte ihm, wenn es aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten.
Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er seine
Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen
Antrag vor.
»Eben deshalb bin ich hierhergekommen«, antwortete das
Schneiderlein, »ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten.«
Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere Wohnung
angewiesen.
Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und
wünschten, es wäre tausend Meilen weit weg.
»Was soll daraus werden«, sprachen sie untereinander, »wenn wir Zank
mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene.
Da kann unsereiner nicht bestehen.«
Also faßten sie einen Entschluß, begaben sich allesamt zum König und
baten um ihren Abschied.
»Wir sind nicht gemacht«, sprachen sie, »neben einem Mann
auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt.«
Der König war traurig, daß er um des einen willen alle seine treuen
Diener verlieren sollte, wünschte, daß seine Augen ihn nie gesehen
hätten, und wäre ihn gerne wieder los gewesen. Aber er getraute sich
nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn
samt seinem Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron
setzen. Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er
schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so
großer Kriegsheld wäre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In
einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben,
Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten, niemand dürfte
sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese
beiden Riesen überwände und tötete, so wollte er ihm seine einzige
Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Königreich zur Ehesteuer;
auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten.
Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist, dachte das
Schneiderlein, eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich
wird einem nicht alle Tage angeboten.
»O ja«, gab er zur Antwort, »die Riesen will ich schon bändigen und
habe die hundert Reiter dabei nicht nötig; wer siebene auf einen
Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.«
Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als
es zu dem Rand des Waldes kam, sprach es zu seinen Begleitern:
»Bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig
werden.«
Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links
um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen: Sie lagen unter
einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, daß sich die Äste
auf und nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide
Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der
Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es gerade über die
Schläfer zu sitzen kam, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach
dem andern auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch
endlich wachte er auf, stieß seinen Gesellen an und sprach: »Was
schlägst du mich?«
»Du träumst«, sagte der andere, »ich schlage dich nicht.«
Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schneider auf den
zweiten einen Stein herab.
»Was soll das?« rief der andere. »Warum wirfst du mich?«
»Ich werfe dich nicht«, antwortete der erste und brummte.
Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, ließen
sie's gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das
Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten
Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Gewalt auf die
Brust.
»Das ist zu arg!« schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stieß
seinen Gesellen wider den Baum, daß dieser zitterte. Der andere
zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in solche Wut, daß sie
Bäume ausrissen, aufeinander losschlugen, so lange, bis sie endlich
beide zugleich tot auf die Erde fielen.
Nun sprang das Schneiderlein herab.
»Ein Glück nur«, sprach es, »daß sie den Baum, auf dem ich saß,
nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf
einen andern springen müssen: Doch unsereiner ist flüchtig!« Es zog
sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die
Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: »Die Arbeit
ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht; aber hart ist es
hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich
gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der
siebene auf einen Streich schlägt.«
»Seid Ihr denn nicht verwundet?« fragten die Reiter.
»Das hat gute Wege«, antwortete der Schneider, »kein Haar haben sie
mir gekrümmt.«
Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den
Wald hinein: Da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmen, und
ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume.
Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene
Belohnung, den aber reute sein Versprechen, und er sann aufs neue,
wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte.
»Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst«, sprach er zu
ihm, »mußt du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft
ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet. Das mußt du erst
einfangen.«
»Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei
Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.« Er nahm
sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald und hieß
abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten. Er brauchte
nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang
geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände
aufspießen. »Sachte, sachte«, sprach er, »so geschwind geht das
nicht«, blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann
sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller
Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, daß
es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es
gefangen. »Jetzt hab ich das Vöglein«, sagte der Schneider, kam
hinter dem Baum hervor, legte dem Einhorn den Strick erst um den
Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles
in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.
Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren und
machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der
Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Wald großen Schaden
tat; die Jäger sollten ihm Beistand leisten.
»Gerne«, sprach der Schneider, »das ist ein Kinderspiel.«
Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren's wohl
zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so
empfangen, daß sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen.
Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem
Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde
werfen. Der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der
Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus.
Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum
und schlug die Tür hinter ihm zu; da war das wütende Tier gefangen,
das viel zu schwer und unbehilflich war, um zu dem Fenster
hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die Jäger herbei, die
mußten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen. Der Held aber begab
sich zum Könige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein
Versprechen halten mußte und ihm seine Tochter und das halbe
Königreich übergab. Hätte er gewußt, daß kein Kriegsheld, sondern
ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen
gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner
Freude gehalten und aus einem Schneider ein König gemacht.
Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr
Gemahl im Traume sprach: »Junge, mach mir den Wams und flick mir die
Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen.« Da
merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am
anderen Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem
Manne helfen, der nichts anderes als ein Schneider wäre. Der König
sprach ihr Trost zu und sagte: »Laß in der nächsten Nacht deine
Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er
eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff
tragen, das ihn in die weite Welt führt.« Die Frau war damit
zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles mit angehört
hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen
Anschlag.
»Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben«, sagte das
Schneiderlein. Abends legte es sich zu gewöhnlicher Zeit mit seiner
Frau zu Bett. Als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf,
öffnete die Tür und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich
nur stellte, als wenn es schliefe, fing an mit heller Stimme zu
rufen: »Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich
will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit
einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn
fortgeführt und ein Wildschwein gefangen und sollte mich vor denen
fürchten, die draußen vor der Kammer stehen!«
Als diese den Schneider also sprechen hörten, überkam sie eine große
Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und
keiner wollte sich mehr an ihn wagen.
Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein König.
Daumesdick
Es war ein armer Bauersmann, der saß abends
beim Herd und schürte das Feuer, und die Frau saß und spann. Da
sprach er 'wie ists so traurig, daß wir keine Kinder haben! es ist
so still bei uns, und in den andern Häusern ists so laut und
lustig.' 'Ja,' antwortete die Frau und seufzte, 'wenns nur ein
einziges wäre, und wenns auch ganz klein wäre, nur Daumens groß, so
wollte ich schon zufrieden sein; wir hättens doch von Herzen lieb.'
Nun geschah es, daß die Frau kränklich ward und nach sieben Monaten
ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern vollkommen, aber nicht
länger als ein Daumen war. Da sprachen sie 'es ist, wie wir es
gewünscht haben, und es soll unser liebes Kind sein,' und nannten es
nach seiner Gestalt Daumesdick. Sie ließens nicht an Nahrung fehlen,
aber das Kind ward nicht größer, sondern blieb, wie es in der ersten
Stunde gewesen war; doch schaute es verständig aus den Augen und
zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem alles
glückte, was es anfing.
Der Bauer machte sich eines Tages fertig, in den Wald zu gehen und
Holz zu fällen, da sprach er so vor sich hin 'nun wollt ich, daß
einer da wäre, der mir den Wagen nachbrächte.' 'O Vater,' rief
Daumesdick, 'den Wagen will ich schon bringen, verlaßt Euch drauf,
er soll zur bestimmten Zeit im Walde sein.' Da lachte der Mann und
sprach 'wie sollte das zugehen, du bist viel zu klein, um das Pferd
mit dem Zügel zu leiten.' 'Das tut nichts, Vater, wenn nur die
Mutter anspannen will, ich setze mich dem Pferd ins Ohr und rufe ihm
zu, wie es gehen soll.' 'Nun,' antwortete der Vater, 'einmal wollen
wirs versuchen.'
Als die Stunde kam, spannte die Mutter an und setzte Daumesdick ins
Ohr des Pferdes, und dann rief der Kleine, wie das Pferd gehen
sollte, 'jüh und joh! hott und har!, Da ging es ganz ordentlich als
wie bei einem Meister, und der Wagen fuhr den rechten Weg nach dem
Walde. Es trug sich zu, als er eben um eine Ecke bog und der Kleine
'har, har!' rief, daß zwei fremde Männer daherkamen. 'Mein,' sprach
der eine, 'was ist das? da fährt ein Wagen, und ein Fuhrmann ruft
dem Pferde zu, und ist doch nicht zu sehen.' 'Das geht nicht mit
rechten Dingen zu,' sagte der andere, 'wir wollen dem Karren folgen
und sehen, wo er anhält.' Der Wagen aber fuhr vollends in den Wald
hinein und richtig zu dem Platze, wo das Holz gehauen ward. Als
Daumesdick seinen Vater erblickte, rief er ihm zu 'siehst du, Vater,
da bin ich mit dem Wagen, nun hol mich runter.' Der Vater faßte das
Pferd mit der Linken und holte mit der Rechten sein Söhnlein aus dem
Ohr, das sich ganz lustig auf einen Strohhalm niedersetzte. Als die
beiden fremden Männer den Daumesdick erblickten, wußten sie nicht,
was sie vor Verwunderung sagen sollten. Da nahm der eine den andern
beiseit und sprach 'hör, der kleine Kerl könnte unser Glück machen,
wenn wir ihn in einer großen Stadt für Geld sehen ließen, wir wollen
ihn kaufen.' Sie gingen zu dein Bauer und sprachen 'verkauft uns den
kleinen Mann' er solls gut bei uns haben.' 'Nein,' antwortete der
Vater, 'es ist mein Herzblatt, und ist mir für alles Gold in der
Welt nicht feil!' Daumesdick aber, als er von dem Handel gehört, war
an den Rockfalten seines Vaters hinaufgekrochen, stellte sich ihm
auf die Schulter und wisperte ihm ins Ohr 'Vater, gib mich nur hin,
ich will schon wieder zurückkommen.' Da gab ihn der Vater für ein
schönes Stück Geld den beiden Männern hin. 'Wo willst du sitzen?,
sprachen sie zu ihm. 'Ach, setzt mich nur auf den Rand von eurem
Hut, da kann ich auf und ab spazieren und die Gegend b etrachten,
und falle doch nicht herunter.' Sie taten ihm den Willen, und als
Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten sie
sich mit ihm fort. So gingen sie, bis es dämmrig ward, da sprach der
Kleine 'hebt mich einmal herunter, es ist nötig.' 'Bleib nur droben'
sprach der Mann, auf dessen Kopf er saß, 'ich will mir nichts draus
machen, die Vögel lassen mir auch manchmal was drauf fallen.'
'Nein,' sprach Daumesdick, 'ich weiß auch, was sich schickt, hebt
mich nur geschwind herab.' Der Mann nahm den Hut ab und setzte den
Kleinen auf einen Acker am Weg, da sprang und kroch er ein wenig
zwischen den Schollen hin und her, dann schlüpfte er pIötzlich in
ein Mausloch, das er sich ausgesucht hatte. 'Guten Abend, ihr
Herren, geht nur ohne mich heim,' rief er ihnen zu, und lachte sie
aus. Sie liefen herbei und stachen mit Stöcken in das Mausloch, aber
das war vergebliche Mühe, Daumesdick kroch immer weiter zurück, und
da es bald ganz dunkel ward, so mußten sie mit Ärger und mit leerem
Beutel wieder heim wandern.
Als Daumesdick merkte, daß sie fort waren, kroch er aus dem
unterirdischen Gang wieder hervor. 'Es ist auf dem Acker in der
Finsternis so gefährlich gehen,' sprach er, 'wie leicht bricht einer
Hals und Bein.' Zum Glück stieß er an ein leeres Schneckenhaus.
'Gottlob,' sagte er, 'da kann ich die Nacht sicher zubringen,' und
setzte sich hinein. Nicht lang, als er eben einschlafen wollte, so
hörte er zwei Männer vorübergehen, davon sprach der eine 'wie wirs
nur anfangen, um dem reichen Pfarrer sein Geld und sein Silber zu
holen?, 'Das könnt ich dir sagen,' rief Daumesdick dazwischen. 'Was
war das?' sprach der eine Dieb erschrocken, 'ich hörte jemand
sprechen.' Sie blieben stehen und horchten, da sprach Daumesdick
wieder 'nehmt mich mit, so will ich euch helfen.' 'Wo bist du denn?'
'Sucht nur auf der Erde und merkt, wo die Stimme herkommt,'
antwortete er. Da fanden ihn endlich die Diebe und hoben ihn in die
Höhe. 'Du kleiner Wicht, was willst du uns helfen!' sprachen sie.
'Seht,' antwortete er, 'ich krieche zwischen den Eisenstäben in die
Kammer des Pfarrers und reiche euch heraus, was ihr haben wollt.'
'Wohlan,' sagten sie, 'wir wollen sehen, was du kannst.' Als sie bei
dem Pfarrhaus kamen, kroch Daumesdick in die Kammer, schrie aber
gleich aus Leibeskräften 'wollt ihr alles haben, was hier ist?, Die
Diebe erschraken und sagten 'so sprich doch leise, damit niemand
aufwacht.' Aber Daumesdick tat, als hätte er sie nicht verstanden,
und schrie von neuem 'was wollt ihr? wollt ihr alles haben, was hier
ist?' Das hörte die Köchin, die in der Stube daran schlief, richtete
sich im Bete auf und horchte. Die Diebe aber waren vor Schrecken ein
Stück Wegs zurückgelaufen, endlich faßten sie wieder Mut und dachten
'der kleine Kerl will uns necken.' Sie kamen zurück und flüsterten
ihm zu 'nun mach Ernst und reich uns etwas heraus.' Da schrie
Daumesdick noch einmal, so laut er konnte 'ich will euch ja alles
geben, reicht nur die H ände herein.' Das hörte die horchende Magd
ganz deutlich, sprang aus dem Bett und stolperte zur Tür herein. Die
Diebe liefen fort und rannten, als wäre der wilde Jäger hinter
ihnen; die Magd aber, als sie nichts bemerken konnte, ging ein Licht
anzünden. Wie sie damit herbeikam, machte sich Daumesdick, ohne daß
er gesehen wurde, hinaus in die Scheune: die Magd aber, nachdem sie
alle Winkel durchgesucht und nichts gefunden hatte, legte sich
endlich wieder zu Bett und glaubte, sie hätte mit offenen Augen und
Ohren doch nur geträumt.
Daumesdick war in den Heuhälmchen
herumgeklettert und hatte einen schönen Platz zum Schlafen gefunden:
da wollte er sich ausruhen, bis es Tag wäre, und dann zu seinen
Eltern wieder heimgehen. Aber er mußte andere Dinge erfahren! ja, es
gibt viel Trübsal und Not auf der Welt! Die Magd stieg, als der Tag
graute, schon aus dem Bett, um das Vieh zu füttern. Ihr erster Gang
war in die Scheune, wo sie einen Arm voll Heu packte, und gerade
dasjenige, worin der arme Daumesdick. lag und schlief. Er schlief
aber so fest, daß er nichts gewahr ward, und nicht eher aufwachte,
als bis er in dem Maul der Kuh war, die ihn mit dem Heu aufgerafft
hatte. 'Ach Gott,' rief er, 'wie bin ich in die Walkmühle geraten!,
merkte aber bald, wo er war. Da hieß es aufpassen, daß er nicht
zwischen die Zähne kam und zermalmt ward, und hernach mußte er doch
mit in den Magen hinabrutschen. 'In dem Stübchen sind die Fenster
vergessen,' sprach er, 'und scheint keine Sonne hinein: ein Licht
wird auch nicht gebracht.' Überhaupt gefiel ihm das Quartier
schlecht, und was das Schlimmste war, es kam immer mehr neues Heu
zur Türe hinein, und der Platz ward immer enger. Da rief er endlich
in der Angst, so laut er konnte, 'bringt mir kein frisch Futter
mehr, bringt mir kein frisch Futter mehr.' Die Magd melkte gerade
die Kuh, und als sie sprechen hörte, ohne jemand zu sehen, und es
dieselbe Stimme war, die sie auch in der Nacht gehört hatte,
erschrak sie so, daß sie von ihrem Stühlchen herabglitschte und die
Milch verschüttete. Sie lief in der größten Hast zu ihrem Herrn und
rief 'ach Gott, Herr Pfarrer, die Kuh hat geredet.' 'Du bist
verrückt,' antwortete der Pfarrer, ging aber doch selbst in den
Stall und wollte nachsehen, was es da gäbe. Kaum aber hatte er den
Fuß hineingesetzt, so rief Daumesdick aufs neue 'bringt mir kein
frisch Futter mehr, bringt mir kein frisch Futter mehr.' Da erschrak
der Pfarrer selbst, meinte, es wäre ein böser Geist in die Kuh
gefahren, und hieß sie töten. Sie ward geschlachtet, der Magen aber,
worin Daumesdick steckte, auf den Mist geworfen. Daumesdick hatte
große Mühe, sich hindurchzuarbeiten, und hatte große Mühe damit,
doch brachte ers so weit, daß er Platz bekam, aber als er eben sein
Haupt herausstrecken wollte, kam ein neues Unglück. Ein hungriger
Wolf lief heran und verschlang den ganzen Magen mit einem Schluck.
Daumnesdick verlor den Mut nicht, 'vielleicht,' dachte er, 'läßt der
Wolf mit sich reden,' und rief ihm aus dem Wanste zu 'lieber Wolf'
ich weiß dir einen herrlichen Fraß.' 'Wo ist der zu holen?' sprach
der Wolf. 'In dem und dem Haus, da mußt du durch die Gosse
hineinkriechen, und wirst Kuchen, Speck und Wurst finden, so viel du
essen willst,' und beschrieb ihm genau seines Vaters Haus. Der Wolf
ließ sich das nicht zweimal sagen, drängte sich in der Nacht zur
Gosse hinein und fraß in der Vorratskammer nach Herzenslust. Als er
sich gesättigt hatte' wollte er wieder fort, aber er war so dick
geworden' daß er denselben Weg nicht wieder hinaus konnte. Darauf
hatte Daumesdick gerechnet und fing nun an' in dem Leib des Wolfes
einen gewaltigen Lärmen zu machen, tobte und schrie, was er konnte.
'Willst du stille sein,' sprach der Wolf, 'du weckst die Leute auf.'
'Ei was,' antwortete der Kleine, 'du hast dich satt gefressen, ich
will mich auch lustig machen,' und fing von neuem an, aus allen
Kräften zu schreien. Davon erwachte endlich sein Vater und seine
Mutter, liefen an die Kammer und schauten durch die Spalte hinein.
Wie sie sahen, daß ein Wolf darin hauste, liefen sie davon, und der
Mann holte eine Axt, und die Frau die Sense. 'Bleib dahinten,'
sprach der Mann, als sie in die Kammer traten, 'wenn ich ihm einen
Schlag gegeben habe, und er davon noch
nicht tot ist, so mußt du auf ihn einhauen, und ihm den Leib
zerschneiden.' Da hörte Daumesdick die Stimme se ines Vaters und
rief 'lieber Vater, ich bin hier, ich stecke im Leibe des Wolfs.'
Sprach der Vater voll Freuden 'gottlob, unser liebes Kind hat sich
wiedergefunden,' und hieß die Frau die Sense wegtun, damit
Daumesdick nicht beschädigt würde. Danach holte er aus, und schlug
dem Wolf einen Schlag auf den Kopf, daß er tot niederstürzte, dann
suchten sie Messer und Schere, schnitten ihm den Leib auf und zogen
den Kleinen wieder hervor. 'Ach,' sprach der Vater, 'was haben wir
für Sorge um dich ausgestanden!, 'Ja, Vater, ich bin viel in der
Welt herumgekommen; gottlob, daß ich wieder frische Luft schöpfe!'
'Wo bist du denn all gewesen?' 'Ach, Vater, ich war in einem
Mauseloch, in einer Kuh Bauch und in eines Wolfes Wanst: nun bleib
ich bei euch.' 'Und wir verkaufen dich um alle Reichtümer der Welt
nicht wieder,' sprachen die Eltern, herzten und küßten ihren lieben
Daumesdick. Sie gaben ihm zu essen und trinken, und ließen ihm neue
Kleider machen, denn die seinigen waren ihm auf der Reise verdorben.

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
In alten Zeiten, als das Wünschen noch
geholfen hat, lebte einmal ein König, der hatte wunderschöne
Töchter. Die jüngste von ihnen war so schön, daß die Sonne selber,
die doch so vieles schon gesehen hat, sich verwundene, sooft sie ihr
ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse war ein großer, dunkler
Wald, und mitten darin, unter einer alten Linde, war ein Brunnen.
Wenn nun der Tag recht heiß war, ging die jüngste Prinzessin hinaus
in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens. Und
wenn sie Langeweile hatte, nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in
die Höhe und fing sie wieder auf. Das war ihr liebstes Spiel.
Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter
nicht in die Händchen fiel, sondern auf die Erde schlug und gerade
in den Brunnen hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den
Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so
tief, daß man keinen Grund sah.
Da fing die Prinzessin an zu weinen und weinte immer lauter und
konnte sich gar nicht trösten. Als sie so klagte, rief ihr plötzlich
jemand zu: "Was hast du nur, Königstochter? Du schreist ja, daß sich
ein Stein erbarmen möchte."
Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen
Frosch, der seinen dicken, häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte.
"Ach, du bist's, alter Wasserpatscher", sagte sie. "Ich weine über
meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist."
"Sei still und weine nicht", antwortete der Frosch, "ich kann wohl
Rat schaffen. Aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielzeug wieder
heraufhole?"
"Was du haben willst, lieber Frosch", sagte sie, "meine Kleider,
meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich
trage."
Der Frosch antwortete: "Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine
und deine goldene Krone, die mag ich nicht. Aber wenn du mich
liebhaben willst und ich dein Geselle und Spielkamerad sein darf,
wenn ich an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen
Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein
schlafen darf, dann will ich hinuntersteigen und dir die goldene
Kugel heraufholen."
"Ach, ja", sagte sie, "ich verspreche dir alles, was du willst, wenn
du mir nur die Kugel wiederbringst." Sie dachte aber, der einfältige
Frosch mag schwätzen, was er will, der sitzt doch im Wasser bei
seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Geselle sein!
Als der Frosch das Versprechen der Königstochter erhalten hatte,
tauchte er seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam
er wieder heraufgerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins
Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes
Spielzeug wiedererblickte, hob es auf und sprang damit fort.
"Warte, warte!" rief der Frosch. "Nimm mich mit, ich kann nicht so
laufen wie du!" Aber was half es ihm, daß er ihr sein Quak-quak so
laut nachschrie, wie er nur konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte
nach Hause und hatte den Frosch bald vergessen.
Am andern Tag, als sie sich mit dem König und allen Hofleuten zur
Tafel gesetzt hatte und eben von ihrem goldenen Tellerlein aß, da
kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe
heraufgekrochen. Als es oben angelangt war, klopfte es an die Tür
und rief. "Königstochter, jüngste, mach mir auip"
Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre. Als sie aber aufmachte,
saß der Frosch vor der Tür. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte
sich wieder an den Tisch, und es war ihr ganz ängstlich zumute.
Der König sah wohl, daß ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach:
"Mein Kind, was fürchtest du dich? Steht etwa ein Riese vor der Tür
und will dich holen?"
"Ach, nein", antwortete sie, "es ist kein Riese, sondern ein
garstiger Frosch."
"Was will der Frosch von dir?"
"Ach, lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und
spielte, fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Als ich deshalb
weinte, hat sie mir der Frosch heraufgeholt. Und weil er es durchaus
verlangte, versprach ich ihm, er sollte mein Spielgefährte werden.
Ich dachte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser käme. Nun ist
er draußen und will zu mir herein."
Da klopfte es zum zweiten Mal, und eine Stimme rief:
"Königstochter, jüngste,
Mach mir auf!
Weißt du nicht, was gestern
Du zu mir gesagt
Bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
Mach mir auf!"
Da sagte der König: "Was du versprochen hast, das mußt du auch
halten! Geh nur und mach ihm auf!"
Sie ging und öffnete die Tür. Da hüpfte der Frosch herein und hüpfte
ihr immer nach bis zu ihrem Stuhl. Dort blieb er sitzen und rief:
"Heb mich hinauf zu dir!" Sie zauderte, bis es endlich der König
befahl. Als der Frosch auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch,
und als er da saß, sprach er: "Nun schieb rnir dein goldenes
Tellerlein näher, damit wir mitsammen essen können." Der Frosch ließ
sich's gut schmecken, ihr aber blieb fast jeder Bissen im Halse
stecken.
Endlich sprach der Frosch: "Ich habe mich satt gegessen und bin
müde. Nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seidenes
Bettlein zurecht!" Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete
sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzurühren getraute
und der nun in ihrem schönen, reinen Bettlein schlafen sollte.
Der König aber wurde zornig und sprach: "Wer dir geholfen hat, als
du in Not warst, den sollst du hernach nicht verachten!"
Da packte sie den Frosch mit zwei Fingern, trug ihn hinauf in ihr
Kämmerlein und setzte ihn dort in eine Ecke. Als sie aber im Bette
lag, kam er gekrochen und sprach: "Ich will schlafen so gut wie du.
Heb mich hinauf, oder ich sag's deinem Vater!"
Da wurde sie bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn gegen die
Wand. "Nun wirst du Ruhe geben", sagte sie, "du garstiger Frosch!"
Als er aber herabfiel, war er kein Frosch mehr, sondern ein
Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres
Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Er erzählte ihr, er
wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn
aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten
sie mitsammen in sein Reich gehen.
Und wirklich, am anderen Morgen kam ein Wagen herangefahren, mit
acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem
Kopf und gingen in goldenen Ketten. Hinten auf dem Wagen aber stand
der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich.
Der treue Heinrich hatte sich so gekränkt, als sein Herr in einen
Frosch verwandelt worden war, daß er drei eiserne Bänder um sein
Herz hatte legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit
zerspränge.
Der Wagen sollte nun den jungen König in sein Reich holen. Der treue
Heinrich hob ihn und seine unge Gemahlin hinein, stellte sich wieder
hinten hinauf und war voll Freude über die Erlösung seines Herrn.
Als sie ein Stück des Weges gefahren waren, hörte der Königssohn,
daß es hinter ihm krachte, als ob etwas zerbrochen wäre. Da drehte
er sich um und rief:
"Heinrich, der Wagen bricht!"
"Nein, Herr, der Wagen nicht,
Es ist ein Band von meinem Herzen,
Das da lag in großen Schmerzen,
Als Ihr in dem Brunnen saßt
Und in einen Frosch verzaubert wart."
Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der
Königssohn meinte immer, der Wagen bräche. Doch es waren nur die
Bänder, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein
Herr nun erlöst und glücklich war.
Der starke Hans
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die
hatten nur ein einziges Kind und lebten in einem abseits gelegenen
Tale ganz allein. Es trug sich zu, daß die Mutter einmal ins Holz
ging, Tannenreiser zu lesen, und den kleinen Hans, der erst zwei
Jahr alt war, mitnahm. Da es gerade in der Frühlingszeit war und das
Kind seine Freude an den bunten Blumen hatte, so ging sie immer
weiter mit ihm in den Wald hinein.
Plötzlich sprangen aus dem Gebüsch zwei Räuber hervor, packten die
Mutter und das Kind und führten sie tief in den schwarzen Wald, wo
jahraus, jahrein kein Mensch hinkam. Die arme Frau bat die Räuber
inständig, sie mit ihrem Kinde freizulassen, aber das Herz der
Räuber war von Stein; sie hörten nicht auf ihr Bitten und Flehen und
trieben sie mit Gewalt an weiterzugehen.
Nachdem sie etwa zwei Stunden durch Stauden und Dörner sich hatten
durcharbeiten müssen, kamen sie zu einem Felsen, wo eine Türe war,
an welche die Räuber klopften und die sich alsbald öffnete. Sie
mußten durch einen langen, dunkelen Gang und kamen endlich in eine
große Höhle, die von einem Feuer, das auf dem Herd brannte,
erleuchtet war. An der Wand hingen Schwerter, Säbel und andere
Mordgewehre, die in dem Lichte blinkten, und in der Mitte stand ein
schwarzer Tisch, an dem vier andere Räuber saßen und spielten, und
obenan saß der Hauptmann. Dieser kam, als er die Frau sah, herbei,
redete sie an und sagte, sie sollte nur ruhig und ohne Angst sein,
sie täten ihr nichts zuleid, aber sie müßte das Hauswesen besorgen,
und wenn sie alles in Ordnung hielte, so sollte sie es nicht schlimm
bei ihnen haben. Darauf gaben sie ihr etwas zu essen und zeigten ihr
ein Bett, wo sie mit ihrem Kinde schlafen könnte.
Die Frau blieb viele Jahre bei den Räubern, und Hans ward groß und
stark. Die Mutter erzählte ihm Geschichten und lehrte ihn in einem
alten Ritterbuch, das sie in der Höhle fand, lesen. Als Hans neun
Jahre alt war, machte er sich aus einem Tannenast einen starken
Knüttel und versteckte ihn hinter das Bett; dann ging er zu seiner
Mutter und sprach: »Liebe Mutter, sage mir jetzt einmal, wer mein
Vater ist, ich will und muß es wissen.« Die Mutter schwieg still und
wollte es ihm nicht sagen, damit er nicht das Heimweh bekäme; sie
wußte auch, daß die gottlosen Räuber den Hans doch nicht fortlassen
würden; aber es hätte ihr fast das Herz zersprengt, daß Hans nicht
sollte zu seinem Vater kommen.
In der Nacht, als die Räuber von ihrem Raubzug heimkehrten, holte
Hans seinen Knüttel hervor, stellte sich vor den Hauptmann und
sagte: »Jetzt will ich wissen, wer mein Vater ist, und wenn du mir's
nicht gleich sagst, so schlag ich dich nieder.« Da lachte der
Hauptmann und gab dem Hans eine Ohrfeige, daß er unter den Tisch
kugelte. Hans machte sich wieder auf, schwieg und dachte: Ich will
noch ein Jahr warten und es dann noch einmal versuchen, vielleicht
geht's besser.
Als das Jahr herum war, holte er seinen Knüttel wieder hervor,
wischte den Staub ab, betrachtete ihn und sprach: »Es ist ein
tüchtiger, wackerer Knüttel.« Nachts
kamen die Räuber heim, tranken Wein, einen Krug nach dem anderen,
und fingen an die Köpfe zu hängen. Da holte der Hans seinen Knüttel
herbei, stellte sich wieder vor den Hauptmann und fragte ihn, wer
sein Vater wäre. Der Hauptmann gab ihm abermals eine so kräftige
Ohrfeige, daß Hans unter den Tisch rollte, aber es dauerte nicht
lange, so war er wieder oben und schlug mit seinem Knüttel auf den
Hauptmann und die Räuber, daß sie Arme und Beine nicht mehr regen
konnten. Die Mutter stand in einer Ecke und war voll Verwunderung
über seine Tapferkeit und Stärke. Als Hans mit seiner Arbeit fertig
war, ging er zu seiner Mutter und sagte: »Jetzt ist mir's Ernst
gewesen, aber jetzt muß ich auch wissen, wer mein Vater ist.«
»Lieber Hans«, antwortete die Mutter, »komm, wir wollen gehen und
ihn suchen, bis wir ihn finden.« Sie nahm dem Hauptmann den
Schlüssel zu der Eingangstüre ab, und Hans holte einen großen
Mehlsack, packte Gold, Silber, und was er sonst noch für schöne
Sachen fand, zusammen, bis er voll war, und nahm ihn dann auf den
Rücken. Sie verließen die Höhle, aber was tat Hans die Augen auf,
als er aus der Finsternis heraus in das Tageslicht kam und den
grünen Wald, Blumen und Vögel und die Morgensonne am Himmel
erblickte. Er stand da und staunte alles an, als wenn er nicht recht
gescheit wäre. Die Mutter suchte den Weg nach Haus, und als sie ein
paar Stunden gegangen waren, so kamen sie glücklich in ihr einsames
Tal und zu ihrem Häuschen.
Der Vater saß unter der Türe, er weinte vor Freude, als er seine
Frau erkannte und hörte, daß Hans sein Sohn war, die er beide längst
für tot gehalten hatte. Aber Hans, obgleich erst zwölf Jahr alt, war
doch einen Kopf größer als sein Vater. Sie gingen zusammen in das
Stübchen, aber kaum hatte Hans seinen Sack auf die Ofenbank gesetzt,
so fing das ganze Haus an zu krachen, die Bank brach ein und dann
auch der Fußboden, und der schwere Sack sank in den Keller hinab.
»Gott behüte uns«, rief der Vater, »was ist das? Jetzt hast du unser
Häuschen zerbrochen.«
»Laßt Euch keine graue Haare darüber wachsen, lieber Vater«,
antwortete Hans, »da in dem Sack steckt mehr, als für ein neues Haus
nötig ist.« Der Vater und Hans fingen auch gleich an, ein neues Haus
zu bauen, Vieh zu erhandeln und Land zu kaufen und zu wirtschaften.
Hans ackerte die Felder, und wenn er hinter dem Pflug ging und ihn
in die Erde hineinschob, so hatten die Stiere fast nicht nötig zu
ziehen.
Den nächsten Frühling sagte Hans: »Vater, behaltet alles Geld, und
laßt mir einen zentnerschweren Spazierstab machen, damit ich in die
Fremde gehen kann.« Als der verlangte Stab fertig war, verließ er
seines Vaters Haus, zog fort und kam in einen tiefen und finstern
Wald. Da hörte er etwas knistern und knastern, schaute um sich und
sah eine Tanne, die von unten bis oben wie ein Seil gewunden war;
und wie er die Augen in die Höhe richtete, so erblickte er einen
großen Kerl, der den Baum gepackt hatte und ihn wie eine Weidenrute
umdrehte. »He!« rief Hans, »was machst du da droben?« Der Kerl
antwortete: »Ich habe gestern Reiswellen zusammengetragen und will
mir ein Seil dazu drehen.« - Das laß ich mir gefallen, dachte Hans,
der hat Kräfte, und rief ihm zu: »Laß du das gut sein, und komm mit
mir.« Der Kerl kletterte von oben herab und war einen ganzen Kopf
größer als Hans, und der war doch auch nicht klein. »Du heißest
jetzt Tannendreher«, sagte Hans zu ihm.
Sie gingen darauf weiter und hörten etwas klopfen und hämmern, so
stark, daß bei jedem Schlag der Erdboden zitterte. Bald darauf kamen
sie zu einem mächtigen Felsen, vor dem stand ein Riese und schlug
mit der Faust große Stücke davon ab. Als Hans fragte, was er da
vorhätte, antwortete er: »Wenn ich nachts schlafen will, so kommen
Bären, Wölfe und anderes Ungeziefer der Art, die schnuppern und
schnuffeln an mir herum und lassen mich nicht schlafen, da will ich
mir ein Haus bauen und mich hineinlegen, damit ich Ruhe habe.« - Ei
ja wohl, dachte Hans, den kannst du auch noch brauchen, und sprach
zu ihm: »Laß das Hausbauen gut sein, und geh mit mir, du sollst der
Felsenklipperer heißen.« Er willigte ein, und sie strichen alle drei
durch den Wald hin, und wo sie hinkamen, da wurden die wilden Tiere
aufgeschreckt und liefen vor ihnen weg.
Abends kamen sie in ein altes, verlassenes Schloß, stiegen hinauf
und legten sich in den Saal schlafen. Am andern Morgen ging Hans
hinab in den Garten, der war ganz verwildert und stand voll Dörner
und Gebüsch. Und wie er so herumging, sprang ein Wildschwein auf ihn
los; er gab ihm aber mit seinem Stab einen Schlag, daß es gleich
niederfiel. Dann nahm er es auf die Schulter und brachte es hinauf;
da steckten sie es an einen Spieß, machten sich einen Braten zurecht
und waren guter Dinge. Nun verabredeten sie, daß jeden Tag, der
Reihe nach, zwei auf die Jagd gehen sollten und einer daheim bleiben
und kochen, für jeden neun Pfund Fleisch.
Den ersten Tag blieb der Tannendreher daheim, und Hans und der
Felsenklipperer gingen auf die Jagd. Als der Tannendreher beim
Kochen beschäftigt war, kam ein kleines, altes,
zusammengeschrumpeltes Männchen zu ihm auf das Schloß und forderte
Fleisch.
»Pack dich, Duckmäuser«, antwortete er, »du brauchst kein Fleisch.«
Aber wie verwunderte sich der Tannendreher, als das kleine,
unscheinbare Männlein an ihm hinaufsprang und mit Fäusten so auf ihn
losschlug, daß er sich nicht wehren konnte, zur Erde fiel und nach
Atem schnappte. Das Männlein ging nicht eher fort, als bis es seinen
Zorn völlig an ihm ausgelassen hatte. Als die zwei andern von der
Jagd heimkamen, sagte ihnen der Tannendreher nichts von dem alten
Männchen und den Schlägen, die er bekommen hatte, und dachte: Wenn
sie daheim bleiben, so können sie's auch einmal mit der kleinen
Kratzbürste versuchen, und der bloße Gedanke machte ihm schon
Vergnügen.
Den folgenden Tag blieb der Steinklipperer daheim, und dem ging es
geradeso wie dem Tannendreher, er ward von dem Männlein übel
zugerichtet, weil er ihm kein Fleisch hatte geben wollen. Als die
andern abends nach Haus kamen, sah es ihm der Tannendreher wohl an,
was er erfahren hatte, aber beide schwiegen still und dachten: Der
Hans muß auch von der Suppe kosten.
Der Hans, der den nächsten Tag daheim bleiben
mußte, tat seine Arbeit in der Küche, wie sich's gebührte, und als
er oben stand und den Kessel abschaumte, kam das Männchen und
forderte ohne weiteres ein Stück Fleisch. Da dachte Hans: Es ist ein
armer Wicht, ich will ihm von meinem Anteil geben, damit die andern
nicht zu kurz kommen, und reichte ihm ein Stück Fleisch. Als es der
Zwerg verzehrt hatte, verlangte er nochmals Fleisch, und der
gutmütige Hans gab es ihm und sagte, da wäre noch ein schönes Stück,
damit sollte er zufrieden sein. Der Zwerg forderte aber zum
drittenmal.
»Du wirst unverschämt«, sagte Hans und gab ihm nichts. Da wollte der
boshafte Zwerg an ihm hinaufspringen und ihn wie den Tannendreher
und Felsenklipperer behandeln, aber er kam an den Unrechten. Hans
gab ihm, ohne sich anzustrengen, ein paar Hiebe, daß er die
Schloßtreppe hinabsprang. Hans wollte ihm nachlaufen, fiel aber, so
lang er war, über ihn hin. Als er sich wieder aufgerichtet hatte,
war ihm der Zwerg voraus. Hans eilte ihm bis in den Wald nach und
sah, wie er in eine Felsenhöhle schlüpfte. Hans kehrte nun heim,
hatte sich aber die Stelle gemerkt.
Die beiden andern, als sie nach Haus kamen, wunderten sich, daß Hans
so wohlauf war. Er erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte, und da
verschwiegen sie nicht länger, wie es ihnen ergangen war. Hans
lachte und sagte: »Es ist euch ganz recht, warum seid ihr so geizig
mit eurem Fleisch gewesen, aber es ist eine Schande, ihr seid so
groß und habt euch von dem Zwerge Schläge geben lassen.«
Sie nahmen darauf Korb und Seil und gingen alle drei zu der
Felsenhöhle, in welche der Zwerg geschlüpft war, und ließen den Hans
mit seinem Stab im Korb hinab. Als Hans auf dem Grund angelangt war,
fand er eine Türe, und als er sie öffnete, saß da eine bildschöne
Jungfrau, nein, so schön, daß es nicht zu sagen ist, und neben ihr
saß der Zwerg und grinste den Hans an wie eine Meerkatze. Sie aber
war mit Ketten gebunden und blickte ihn so traurig an, daß Hans
großes Mitleid empfand und dachte: Du mußt sie aus der Gewalt des
bösen Zwerges erlösen, und gab ihm einen Streich mit seinem Stab,
daß er tot niedersank.
Alsbald fielen die Ketten von der Jungfrau ab, und Hans war wie
verzückt über ihre Schönheit. Sie erzählte ihm, sie wäre eine
Königstochter, die ein wilder Graf aus ihrer Heimat geraubt und hier
in den Felsen eingesperrt hätte, weil sie nichts von ihm hätte
wissen wollen; den Zwerg aber hätte der Graf zum Wächter gesetzt,
und er hätte ihr Leid und Drangsal genug angetan.
Darauf setzte Hans die Jungfrau in den Korb und ließ sie
hinaufziehen. Der Korb kam wieder herab, aber Hans traute den beiden
Gesellen nicht und dachte: Sie haben sich schon falsch gezeigt und
dir nichts von dem Zwerg gesagt, wer weiß, was sie gegen dich im
Schild führen. Da legte er seinen Stab in den Korb, und das war sein
Glück, denn als der Korb halb in der Höhe war, ließen sie ihn
fallen, und hätte Hans wirklich darin gesessen, so wäre es sein Tod
gewesen. Aber nun wußte er nicht, wie er sich aus der Tiefe
herausarbeiten sollte, und wie er hin und her dachte, er fand keinen
Rat.
»Es ist doch traurig«, sagte er, »daß du da
unten verschmachten sollst.« Und als er so auf und ab ging, kam er
wieder zu dem Kämmerchen, wo die Jungfrau gesessen hatte, und sah,
daß der Zwerg einen Ring am Finger hatte, der glänzte und
schimmerte. Da zog er ihn ab und steckte ihn an, und als er ihn am
Finger umdrehte, so hörte er plötzlich etwas über seinem Kopf
rauschen. Er blickte in die Höhe und sah da Luftgeister schweben,
die sagten, er wäre ihr Herr, und fragten, was sein Begehren wäre.
Hans war anfangs ganz verstummt, dann aber sagte er, sie sollten ihn
hinauftragen. Augenblicklich gehorchten sie, und es war nicht
anders, als flöge er hinauf. Als er aber oben war, so war kein
Mensch mehr zu sehen, und als er in das Schloß ging, so fand er auch
dort niemand. Der Tannendreher und der Felsenklipperer waren
fortgeeilt und hatten die schöne Jungfrau mitgeführt. Aber Hans
drehte den Ring, da kamen die Luftgeister und sagten ihm, die zwei
wären auf dem Meer. Hans lief und lief in einem fort, bis er zu dem
Meeresstrand kam, da erblickte er weit, weit auf dem Wasser ein
Schiffchen, in welchem seine treulosen Gefährten saßen. Und im
heftigen Zorn sprang er, ohne sich zu besinnen, mitsamt seinem Stab
ins Wasser und fing an zu schwimmen, aber der zentnerschwere Stab
zog ihn tief hinab, daß er fast ertrunken wäre.
Da drehte er noch zu rechter Zeit den Ring, alsbald kamen die
Luftgeister und trugen ihn, so schnell wie der Blitz, in das
Schiffchen. Da schwang er seinen Stab und gab den bösen Gesellen den
verdienten Lohn und warf sie hinab ins Wasser; dann aber ruderte er
mit der schönen Jungfrau, die in den größten Ängsten gewesen war und
die er zum zweiten Male befreit hatte, heim zu ihrem Vater und ihrer
Mutter und ward mit ihr verheiratet, und haben alle sich gewaltig
gefreut.

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben
junge Geißlein. Sie hatte sie so lieb, wie eben eine Mutter ihre
Kinder liebhat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter
holen. Da rief sie alle sieben herbei und sprach: "Liebe Kinder, ich
muß hinaus in den Wald. Seid inzwischen brav, sperrt die Türe gut zu
und nehmt euch in acht vor dem Wolf! Wenn er hereinkommt, frißt er
euch mit Haut und Haaren. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an
seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn
gleich erkennen."
Die Geißlein sagten: "Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht
nehmen, du kannst ohne Sorge fortgehen." Da meckerte die Alte und
machte sich getrost auf den Weg.
Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief:
"Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von
euch etwas mitgebracht!" Aber die Geißlein hörten an der rauhen
Stimme, daß es der Wolf war. "Wir machen nicht auf", riefen sie, "du
bist nicht unsere Mutter. Die hat eine feine und liebliche Stimme,
deine Stimme aber ist rauh. Du bist der Wolf!"
Da ging der Wolf fort zum Krämer und kaufte sich ein großes Stück
Kreide. Er aß es auf und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er
zurück, klopfte an die Haustür und rief: "Macht auf, ihr lieben
Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas
mitgebracht!"
Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett
gelegt. Das sahen die Kinder und riefen: "Wir machen nicht auf!
Unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie du. Du bist der Wolf!"
Da lief der Wolf zum Bäcker und sprach: "Ich habe mir den Fuß
angestoßen, streich mir Teig darüber!"
Als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, lief er zum Müller
und sprach: "Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote!" Der Müller
dachte, der Wolf wolle jemanden betrügen, und weigerte sich. Aber
der Wolf sprach: "Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!" Da
fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß.
Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte an
und sprach: "Macht auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist
heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht!"
Die Geißlein riefen: "Zeig uns zuerst deine Pfote, damit wir wissen,
daß du unser liebes Mütterchen bist."
Da legte der Wolf die Pfote auf das Fensterbrett. Als die Geißlein
sahen, daß sie weiß war, glaubten sie, es wäre alles wahr, was er
sagte, und machten die Türe auf.
Wer aber hereinkam, war der Wolf! Die Geißlein erschraken und
wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite
ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das
fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das
siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie und
verschluckte eines nach dem andern. Nur das jüngste in dem
Uhrkasten, das fand er nicht.
Als der Wolf satt war, trollte er sich fort, legte sich draußen auf
der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.
Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach,
was mußte sie da erblicken! Die Haustür stand sperrangelweit offen,
Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in
Scherben, Decken und Polster waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte
ihre Kinder, aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie
nacheinander bei ihren Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als
sie das jüngste rief, antwortete eine feine Stimme: "Liebe Mutter,
ich stecke im Uhrkasten!"
Da holte die Mutter das junge Geißlein aus seinem Versteck heraus,
und es erzählte ihr, daß der Wolf gekommen wäre und die anderen alle
gefressen hätte. Ihr könnt euch denken, wie da die alte Geiß über
ihre armen Kinder geweint hat!
Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein
lief mit. Als sie auf die Wiese kamen, lag der Wolf immer noch unter
dem Baum und schnarchte, daß die Äste zitterten. Die alte Geiß
betrachtete ihn von allen Seiten und sah, daß in seinem vollen Bauch
sich etwas regte und zappelte. Ach, Gott, dachte sie, sollten meine
armen Kinder, die er zum Nachtmahl hinuntergewürgt hat, noch am
Leben sein?
Da mußte das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn
holen. Dann schnitt die alte Geiß dem Bösewicht den Bauch auf. Kaum
hatte sie den ersten Schnitt getan, da streckte auch schon ein
Geißlein den Kopf heraus. Und als sie weiterschnitt, sprangen
nacheinander alle sechs heraus. Sie waren alle heil und gesund, denn
der Wolf hatte sie in seiner Gier ganz hinuntergeschluckt.
Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter und hüpften
wie Schneider bei einer Hochzeit. Die Alte aber sagte: jetzt geht
und sucht große Steine, damit wollen wir dem bösen Tier den Bauch
füllen, solange es noch im Schlafe liegt."
Da schleppten die sieben Geißlein in aller Eile Steine herbei und
steckten ihm so viele in den Bauch, als sie nur hineinbringen
konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu,
so daß der Wolf nichts merkte und sich nicht einmal regte.
Als er endlich ausgeschlafen war, machte er sich auf die Beine. Und
weil ihm die Steine im Magen großen Durst verursachten, wollte er zu
einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu laufen,
stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und zappelten. Da rief
er:
"Was rumpelt und pumpelt
In meinem Bauch herum?
Ich meinte, es wären sechs Geißelein,
Doch sind's lauter Wackerstein."
Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und
trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er
mußte jämmerlich ersaufen.
Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig herbeigelaufen
und riefen laut: "Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!" Und sie
faßten einander an den Händen und tanzten mit ihrer Mutter vor
Freude um den Brunnen herum.

Die Bremer Stadtmusikanten
Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange
Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte
aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher
ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber
der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte
sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er ja
Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er
einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich
müde gelaufen hat. »Nun, was jappst du so, Packan?« fragte der Esel.
»Ach«, sagte der Hund, »weil ich alt bin und jeden Tag schwächer
werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr
wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich
nun mein Brot verdienen?« »Weißt du was«, sprach der Esel, »ich gehe
nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch
bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die
Pauken.« Der Hund war's zufrieden, und sie gingen weiter. Es dauerte
nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht
wie drei Tage Regenwetter. »Nun, was ist dir in die Quere gekommen,
alter Bartputzer?« sprach der Esel. »Wer kann da lustig sein, wenn's
einem an den Kragen geht«, antwortete die Katze, »weil ich nun zu
Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem
Ofen sitze und Spinne als nach Mäusen herumjage, hat mich meine Frau
ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist
guter Rat teuer: wo soll ich hin?« »Geh mit uns nach Bremen, du
verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein
Stadtmusikant werden.« Die Katze hielt das für gut und ging mit.
Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß
auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. »Du schreist
einem durch Mark und Bein«, sprach der Esel, »was hast du vor?« »Da
hab ich gut Wetter prophezeit«, sprach der Hahn, »weil unserer
lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen
gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag
Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der
Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da
soll ich mir heut abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich
aus vollem Hals, solang ich noch kann.« »Ei was, du Rotkopf«, sagte
der Esel, »zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas
Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme,
und wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben.« Der
Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle viere
zusammen fort.
Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und
kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und
der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn
machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo
es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch
einmal nach allen vier Winden um, da däuchte ihn, er sähe in der
Ferne ein Fünkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müßte
nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der
Esel: »So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist
die Herberge schlecht.« Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas
Fleisch dran täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg
nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller
schimmern, und es ward immer größer, bis sie vor ein hell
erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der größte, näherte
sich dem Fenster und schaute hinein.
»Was siehst du, Grauschimmel?« fragte der Hahn. »Was ich sehe?«
antwortete der Esel. »Einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und
Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen's sich wohl sein.« »Das
wäre was für uns«, sprach der Hahn. »Ja, ja, ach, wären wir da!«
sagte der Esel. Da ratschiagten die Tiere, wie sie es anfangen
müßten, um die Räuber hinauszujagen, und fanden endlich ein Mittel.
Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der
Hund auf des Eseis Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern,
und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den
Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt
an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die
Katze miaute, und der Hahn krähte; dann stürzten sie durch das
Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben klirnen. Die Räuber
fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht
anders, als ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht
in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch,
nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen, als wenn
sie vier Wochen hungern sollten.
Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und
suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und
Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter
die Türe, die Katze auf den Herd bei die warme Asche, und der Hahn
setzte sich auf den Hahnenbalken; und weil sie müde waren von ihrem
langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war
und die Räuber von weitem sahen, daß kein Licht mehr im Haus
brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: »Wir hätten
uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen«, und hieß einen
hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles
still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil er die
glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah,
hielt er ein Schwefelhölzchen daran, daß es Feuer fangen sollte.
Aber die Katze ver stand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie
und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre
hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein;
und als er über den Hof an dem Miste vorbeirannte, gab ihm der Esel
noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der
vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom
Balken herab: »Kikeriki!« Da lief der Räuber, was er konnte, zu
seinem Hauptmann zurück und sprach: »Ach, in dem Haus sitzt eine
greuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern
mir das Gesicht zerkratzt; und vor der Türe steht ein Mann mit einem
Messer, der hat mich ins Bein gestochen; und auf dem Hof liegt ein
schwarzes Ungeheuer, das hat mit einer Holzkeule auf mich
losgeschlagen; und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der
rief: 'Bringt mir den Schelm her.' Da machte ich, daß ich fortkam.«
Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den
vier Bremer Musikanten gefiel's aber so wohl darin, daß sie nicht
wieder heraus wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der
Mund noch warm.

Die goldene Gans
Es war ein Mann, der hatte drei Söhne, davon
hieß der jüngste der Dummling und wurde verachtet und verspottet und
bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt. Es geschah, daß der älteste in
den Wald gehen wollte, Holz hauen, und eh' er ging, gab ihm noch
seine Mutter einen schönen feinen Eierkuchen und eine Flasche Wein
mit, damit er nicht Hunger und Durst litte. Als er in den Wald kam,
begegnete ihm ein altes, graues Männlein, das bot ihm einen guten
Tag und sprach: "Gib mir doch ein Stück Kuchen aus deiner Tasche und
laß mich einen Schluck von deinem Wein trinken ! Ich bin so hungrig
und durstig." Der kluge Sohn aber antwortete: "Geb ich dir meinen
Kuchen und meinen Wein, so hab ich selber nichts, pack dich deiner
Wege !" ließ das Männlein stehen und ging fort. Als er nun anfing,
einen Baum zu behauen, dauerte es nicht lange, so hieb er fehl, und
die Axt fuhr ihm in den Arm, daß er mußte heimgehen und sich
verbinden lassen. Das war aber von dem grauen Männchen gekommen.
Darauf ging der zweite Sohn in den Wald, und die Mutter gab ihm, wie
dem ältesten, einen Eierkuchen und eine Flasche Wein. Dem begegnete
gleichfalls das alte, graue Männchen und hielt um ein Stückchen
Kuchen und einen Trunk Wein an. Aber der zweite Sohn sprach auch
ganz verständig: "Was ich dir gebe, das geht mir selber ab, pack
dich deiner Wege !" ließ das Männlein stehen und ging fort. Die
Strafe blieb nicht aus, als er ein paar Hiebe am Baum getan, hieb er
sich ins Bein, daß er mußte nach Haus getragen werden.
Da sagte der Dummling: "Vater, laß mich einmal hinausgehen und Holz
hauen !" Antwortete der Vater: "Deine Brüder haben sich Schaden
dabei getan, laß dich davon, du verstehst nichts davon." Der
Dummling aber bat so lange, bis er endlich sagte: "Geh nur hin,
durch Schaden wirst du klug werden." Die Mutter gab ihm einen
Kuchen, der war mit Wasser in der Asche gebacken, und dazu eine
Flasche saures Bier. Als er in den Wald kam, begegnete ihm
gleichfalls das alte, graue Männchen, grüßte ihn und sprach: "Gib
mir ein Stück von deinem Kuchen und einen Trunk aus deiner Flasche,
ich bin so hungrig und durstig." Antwortet der Dummling: " Ich habe
nur Aschenkuchen und saures Bier, wenn dir das recht ist, so wollen
wir uns setzen und essen." Da setzten sie sich, und als der Dummling
seinen Aschenkuchen herausholte, so war's ein feiner Eierkuchen, und
das saure Bier war ein guter Wein. Nun aßen und tranken sie, und
danach sprach das Männlein: "Weil du ein gutes Herz hast und von dem
deinigen gerne mitteilst, so will ich dir Glück bescheren. Dort
steht ein alter Baum, den hau ab, so wirst du in den Wurzeln etwas
finden." Darauf nahm das Männlein Abschied.
Der Dummling ging hin und hieb den Baum um,
und wie er fiel, saß in den Wurzeln eine Gans, die hatte Federn von
reinem Gold. Er hob sie heraus, nahm sie mit sich und ging in ein
Wirtshaus, da wollte er übernachten. Der Wirt hatte aber drei
Töchter, die sahen die Gans, waren neugierig, was das für ein
wunderlicher Vogel wäre, und hätten gar gern eine von seinen
goldenen Federn gehabt. Die älteste dachte: Es wird sich schon eine
Gelegenheit finden, wo ich mir eine Feder ausziehen kann. Und als
der Dummling einmal hinaus gegangen war, faßte sie die Gans beim
Flügel aber Finger und Hand blieben ihr daran fest hängen. Bald
hernach kam die zweite und hatte keinen andern Gedanken, als sich
eine goldene Feder zu holen, kaum aber hatte sie ihre Schwester
angerührt, so blieb sie fest hängen. Endlich kam auch die dritte in
der gleichen Absicht. Da schrien die andern: "Bleib weg, um Himmels
Willen bleib weg!" Aber sie begriff nicht, warum sie wegbleiben
sollte, dachte: Sind die dabei so kann ich auch dabeisein und sprang
hinzu, und wie sie ihre Schwester angerührt hatte, so blieb sie an
ihr hängen. So mußten sie die Nacht bei der Ganz zubringen.
Am anderen Morgen nahm der Dummling die Gans in den Arm ging fort
und kümmerte sich nicht um die drei Mädchen, die daran hingen. Sie
mußten immer hinter im dreinlaufen, links und rechts, wie's ihm in
die Beine kam. Mitten auf dem Felde begegnete ihnen der Pfarrer, und
als er den Aufzug sah, sprach er : "Schämt euch, ihr garstigen
Mädchen, was lauft ihr dem jungen Bursch durchs Feld nach, schickt
sich das?" Damit faßte er die jüngste an der Hand und wollte sie
zurückziehen, wie er sie aber anrührte, blieb er gleichfalls hängen
und mußte selber hinterdreinlaufen. Nicht lange, so kam der Küster
daher und sah den Herrn Pfarrer, der drei Mädchen auf dem Fuß
folgte. Da verwunderte er sich und rief: "Ei, Herr Pfarrer, wohinaus
so geschwind ? vergeßt nicht, daß wir heute noch eine Kindtaufe
haben." Lief auf ihn zu und faßte ihn am Ärmel, blieb aber auch fest
hängen. Wie die fünf so hintereinander hertrabten, kamen zwei Bauern
mit ihren Hacken vom Felde. Da rief der Pfarrer sie an und bat, sie
möchten ihn und den Küster losmachen. Kaum aber hatten sie den
Küster angerührt, so blieben sie hängen, und waren ihrer nun
siebene, die dem Dummling mit der Gans nachliefen.
Er kam darauf in eine Stadt; da herrschte ein König, der hatte eine
Tochter, die war so ernsthaft, daß sie niemand zum Lachen bringen
konnte. Darum hatte er ein Gesetz gegeben, wer sie könnte zum Lachen
bringen, der sollte sie heiraten. Der Dummling, als er das hörte,
ging mit seiner Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter, und als
diese die sieben Menschen immer hintereinander herlaufen sah, fing
sie überlaut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören.
Da verlangte sie der Dummling zur Braut, aber dem König gefiel der
Schwiegersohn nicht, er machte allerlei Einwendungen und sagte, er
müßte ihm erst einen Mann bringen, der einen Keller voll Wein
austrinken könne. Der Dummling dachte an das graue Männchen, das
könnte ihm wohl helfen, ging hinaus in den Wald, und auf der Stelle,
wo er den Baum abgehauen hatte, sah er einen Mann sitzen, der machte
ein ganz betrübtes Gesicht. Der Dummling fragte, was er sich so sehr
zu Herzen nähme. Da antwortete er: "Ich habe so großen Durst und
kann ihn nicht löschen, das kalte Wasser vertrage ich nicht, ein Faß
Wein habe ich zwar ausgeleert, aber was ist ein Tropfen auf einen
heißen Stein ?" "Da kann ich dir helfen", sagte der Dummling, "komm
nur mit mir, du sollst satt haben !" Er führte ihn darauf in des
Königs Keller, und der Mann machte sich über die großen Fässer,
trank und trank, daß ihm die Hüften weh taten, und ehe ein Tag herum
war, hatte er den ganzen Keller ausgetrunken.
Der Dummling verlangte abermals seine Braut, der König aber ärgerte
sich, daß ein schlechter Bursch, den jedermann einen Dummling
nannte, seine Tochter davontragen sollte, und machte neue
Bedingungen: Er müßte erst einen Mann schaffen, der einen Berg voll
Brot aufessen könnte. Der Dummling besann sich nicht lange, sondern
ging gleich hinaus in den Wald. Da saß auf demselben Platz ein Mann,
der schnürte sich den Leib mit einem Riemen zusammen, machte ein
grämliches Gesicht und sagte: "Ich habe einen ganzen Backofen voll
Raspelbrot gegessen, aber was hilft das, wenn man so großen Hunger
hat wie ich. Mein Magen bleibt leer, und ich muß ihn zuschnüren,
wenn ich nicht Hungers sterben soll." Der Dummling war froh darüber
und sprach: "Mach dich auf und geh mit mir, du sollst dich satt
essen !" Er führte ihn an den Hof des Königs, der hatte alles Mehl
aus dem ganzen Reich zusammenfahren und einen ungeheuren Berg davon
bauen lassen; der Mann aber aus dem Walde stellte sich davor, fing
an zu essen, und in einem Tag war der ganze Berg verschwunden. Der
Dummling forderte zum drittenmal seine Braut. Der König aber suchte
noch einmal Ausflucht und verlangte ein Schiff, das zu Land und zu
Wasser fahren könnt. "Sowie du aber damit angesegelt kommst", sagte
er, "sollst du gleich meine Tochter zur Gemahlin haben." Der
Dummling ging geraden Weges in den Wald, da saß das alte, graue
Männchen, dem er seinen Kuchen gegeben hatte, und sagte: "Ich habe
für dich getrunken und gegessen, ich will dir auch das Schiff geben;
das alles tu ich, weil du barmherzig gegen mich gewesen bist" Da gab
er ihm das Schiff, das zu Land und zu Wasser fuhr, und als der König
das sah, konnte er ihm seine Tochter nicht länger vorenthalten.
Die Hochzeit ward gefeiert; nach des Königs Tod erbte der Dummling
das Reich und lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Gemahlin.

Die kluge Else
Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die
hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater
»wir wollen sie heirathen lassen«. »Ja«, sagte die Mutter »wenn nur
einer käme, der sie haben wollte.« Endlich kam von weither einer,
der hieß Hans, und hielt um sie an, er machte aber die Bedingung,
daß die kluge Else auch recht gescheidt wäre. »O«, sprach der Vater,
»die hat Zwirn im Kopf«, und die Mutter sagte »ach, die sieht den
Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.« »Ja«, sprach
der Hans, »wenn sie nicht recht gescheidt ist, so nehm ich sie
nicht.« Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die
Mutter »Else, geh in den Keller und hol Bier«. Da nahm die kluge
Else den Krug von der Wand, gieng in den Keller und klappte
unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang
würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es
vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken
etwa nicht weh thäte und unverhofften Schaden nähme. Dann schob sie
die Kanne mit dem Fuße vor sich und drehte den Hahn auf, und während
der Zeit, daß das Bier hinein lief, wollte sie doch ihre Augen nicht
müssig lassen und sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach
vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche
die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fieng die kluge
Else an zu weinen und sprach »wenn ich den Hans kriege, und wir
kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den
Keller, daß es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke
auf den Kopf und schlägts todt«.
Da blieb sie sitzen und weinte aus
Leibeskräften über das bevorstehende Unglück. Oben saßen sie und
warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht. Da
sprach die Frau zur Magd »geh doch hinunter in den Keller und sieh,
wo die Else bleibt«. Die Magd gieng und fand sie vor dem Fasse
sitzend und laut schreiend. »Else, was weinst du?« fragte die Magd.
»Ach«, antwortete sie, »soll ich nicht weinen? wenn ich den Hans
kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß und soll hier
Trinken zapfen, so fällt ihm vielleicht die Kreuzhacke auf den Kopf
und schlägt es todt.« Da sprach die Magd »was haben wir für eine
kluge Else!« setzte sich zu ihr und fieng auch an über das Unglück
zu weinen. Ueber eine Weile, als die Magd nicht wieder kam, und die
droben durstig nach dem Trank waren, sprach der Mann zum Knecht »geh
doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else und die Magd
bleibt«. Der Knecht gieng hinab, da saß die kluge Else und die Magd,
und weinten beide zusammen. Da fragte er »was weint ihr denn?«
»Ach«, sprach die Else, »soll ich nicht weinen? wenn ich den Hans
kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß und soll hier
Trinken zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf, und
schlägts todt.« Da sprach der Knecht »was haben wir für eine kluge
Else!« setzte sich zu ihr und fieng auch an laut zu heulen. Oben
warteten sie auf den Knecht, als er aber immer nicht kam, sprach der
Mann zur Frau »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else
bleibt«. Die Frau gieng hinab und fand alle drei in Wehklagen, und
fragte nach der Ursache, da erzählte ihr die Else auch, daß ihr
zukünftiges Kind wohl würde von der Kreuzhacke todtgeschlagen
werden, wenn es erst groß ware und Bier zapfen sollte, und die
Kreuzhacke fiele herab. Da sprach die Mutter gleichfalls »ach, was
haben wir für eine kluge Else!« setzte sich hin und weinte mit. Der
Mann oben wartete noch ein Weilchen, als aber seine Frau nicht
wieder kam und sein Durst immer stärker ward, sprach er »ich muß nur
selber in den Keller gehn und sehen, wo die Else bleibt«. Als er
aber in den Keller kam, und alle da bei einander saßen und weinten,
und er die Ursache hörte, daß das Kind der Else schuld wäre, das sie
vielleicht einmal zur Welt brächte und von der Kreuzhacke könnte
todtgeschlagen werden, wenn es gerade zur Zeit, wo sie herab fiele,
darunter säße, Bier zu zapfen: da rief er »was für eine kluge Else!«
setzte sich und weinte auch mit. Der Bräutigam blieb lange oben
allein: da niemand wiederkommen wollte, dachte er »sie werden unten
auf dich warten, du muß auch hingehen und sehen, was sie vorhaben«.
Als er hinab kam, saßen da fünfe und schrien und jammerten ganz
erbärmlich, einer immer besser als der andere. »Was für ein Unglück
ist denn geschehen?« fragte er. »Ach, lieber Hans«, sprach die Else,
»wann wir einander heirathen und haben ein Kind, und es ist groß,
und wir schickens vielleicht hierher Trinken zu zapfen, da kann ihm
ja die Kreuzhacke, die da oben ist stecken geblieben, wenn sie
herabfallen sollte, den Kopf zerschlagen, daß es liegen bleibt!
sollen wir da nicht weinen?« »Nun«, sprach der Hans, »mehr Verstand
ist für meinen Haushalt nicht nöthig: weil du so eine kluge Else
bist, so will ich dich haben«, packte sie bei der Hand und nahm sie
mit hinauf und hielt Hochzeit mit ihr.
Als sie den Hans eine Weile hatte, sprach er »Frau ich will ausgehen
arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld und schneid das
Korn, daß wir Brot haben«. »Ja, mein lieber Hans, das will ich
thun.« Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei
und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu
sich selbst »was thu ich? schneid ich ehr, oder eß ich ehr? hei, ich
will erst essen«. Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie
dick satt war, sprach sie wieder »was thu ich? schneid ich ehr, oder
schlaf ich ehr? hei, ich will erst schlafen«. Da legte sie sich ins
Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else
wollte nicht kommen: da sprach er »was hab ich für eine kluge Else,
die ist so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und ißt«.
Als sie aber noch immer ausblieb, und es Abend ward, gieng der Hans
hinaus und wollte sehen, was sie geschnitten hätte: aber es war
nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief. Da eilte
Hans geschwind heim und holte ein Vogelgarn mit kleinen Schellen und
hängte es um sie herum; und sie schlief noch immer fort. Dann lief
er heim, schloß die Hausthüre zu und setzte sich auf seinen
Arbeitsstuhl nieder. Endlich, wie es schon ganz dunkel war, erwachte
die kluge Else, und als sie aufstand, rappelte es um sie herum bei
jedem Schritte, den sie that. Da erschrak sie, ward irre, ob sie
auch wirklich die kluge Else wäre und sprach »bin ichs, oder bin
ichs nicht?« Sie wußte aber nicht, was sie darauf antworten sollte
und stand eine Zeitlang zweifelhaft: endlich dachte sie »ich will
nach Haus gehen und fragen, ob ichs bin oder ob ichs nicht bin, die
werdens ja wissen«. Sie lief vor ihre Hausthüre, aber die war
verschlossen: da klopfte sie an das Fenster und rief »Hans, ist die
Else drinnen?« »Ja«, antwortete der Hans, »sie ist drinnen.« Da
erschrak sie und sprach »ach Gott, dann bin ichs nicht«, und ging
vor eine andere Thür; als aber die Leute das Klingeln der Schellen
hörten, wollten sie nicht auf machen, und sie konnte nirgend
unterkommen. Da lief sie fort zum Dorfe hinaus, und niemand hat sie
wieder gesehen.

Die sieben Raben
Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch
kein Töchterchen, so sehr er sichs auch wünschte; endlich gab ihm
seine Frau wieder gute Hoffnung zu einem Kinde, und wies zur Welt
kam, war es auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war
schmächtig und klein, und sollte wegen seiner Schwachheit die
Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur
Quelle, Taufwasser zu holen: die andern sechs liefen mit, und weil
jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in
den Brunnen. Da standen sie und wußten nicht, was sie tun sollten,
und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward
der Vater ungeduldig und sprach 'gewiß haben sies wieder über ein
Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.' Es ward ihm angst, das
Mädchen müßte ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er 'ich
wollte, daß die Jungen alle zu Raben würden.' Kaum war das Wort
ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupt in der Luft,
blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf- und
davonfliegen.
Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so
traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie
sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu
Kräften kam, und mit jedem Tage schöner ward. Es wußte lange Zeit
nicht einmal, daß es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern
hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tags von ungefähr die
Leute von sich sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber
doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward
es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn
Brüder gehabt hätte, und wo sie hingeraten wären. Nun durften die
Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es
sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige
Anlaß gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen
daraus und glaubte, es müßte seine Geschwister wieder erlösen. Es
hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die
weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien,
es möchte kosten, was es wollte. Es nahm nichts mit sich als ein
Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den
Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die
Müdigkeit.
Nun ging es immerzu, weit weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur
Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich, und fraß die kleinen
Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war gar
zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach
er 'ich rieche rieche Menschenfleisch.' Da machte es sich geschwind
fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und
jeder saß auf seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand
auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach 'wenn du das Beinchen
nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem
Glasberg, da sind deine Brüder.'
Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein, und
ging wieder fort, so lange, bis es an den Glasberg kam. Das Tor war
verschlossen und es wollte das Beinchen hervorholen, aber wie es das
Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der
guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? seine Brüder
wollte es erretten und hatte keinen SchIüssel zum Glasberg. Das gute
Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen
ab, steckte es in das Tor und schloß glücklich auf. Als es
eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach 'mein
Kind, was suchst du?' 'Ich suche meine Brüder, die sieben Raben,'
antwortete es. Der Zwerg sprach 'die Herren Raben sind nicht zu
Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt
ein.' Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf
sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen
aß das Schwesterchen ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank
es ein SchIückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das
Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.
Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da
sprach das Zwerglein 'jetzt kommen die Herren Raben heim geflogen.'
Da kamen sie, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen
und Becherchen. Da sprach einer nach dem andern 'wer hat von meinem
Tellerchen gegessen? wer hat aus meinem Becherchen getrunken? das
ist eines Menschen Mund gewesen.' Und wie der siebente auf den Grund
des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an
und erkannte, daß es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach
'Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.' Wie
das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch
hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre
menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küßten einander, und
zogen fröhlich heim.

Die sieben Schwaben
Einmal waren sieben Schwaben beisammen, der
erste war der Herr Schulz, der zweite der Jackli, der dritte der
Marli, der vierte der Jergli, der fünfte der Michal, der sechste der
Hans, der siebente der Veitli; die hatten alle siebene sich
vorgenommen, die Welt zu durchziehen, Abenteuer zu suchen und große
Taten zu vollbringen. Damit sie aber auch mit bewaffneter Hand und
sicher gingen, sahen sies für gut an, daß sie sich zwar nur einen
einzigen, aber recht starken und langen Spieß machen ließen. Diesen
Spieß faßten sie alle siebene zusammen an, vorn ging der kühnste und
männlichste, das mußte der Herr Schulz sein, und dann folgten die
andern nach der Reihe, und der Veitli war der letzte.
Nun geschah es, als sie im Heumonat eines Tags einen weiten Weg
gegangen waren, auch noch ein gut Stück bis in das Dorf hatten, wo
sie über Nacht bleiben mußten, daß in der Dämmerung auf einer Wiese
ein großer Roßkäfer oder eine Hornisse nicht weit von ihnen hinter
einer Staude vorbeiflog und feindlich brummelte. Der Herr Schulz
erschrak, daß er fast den Spieß hätte fallen lassen und ihm der
Angstschweiß am ganzen Leibe ausbrach. 'Horcht, horcht,' rief er
seinen Gesellen, 'Gott, ich höre eine Trommel!' Der Jackli, der
hinter ihm den Spieß hielt, und dem ich weiß nicht was für ein
Geruch in die Nase kam, sprach 'etwas ist ohne Zweifel vorhanden,
denn ich schmeck das Pulver und den Zündstrick.' Bei diesen Worten
hub der Herr Schulz an, die Flucht zu ergreifen, und sprang im Hui
über einen Zaun, weil er aber gerade auf die Zinken eines Rechen
sprang, der vom Heumachen da liegen geblieben war, so fuhr ihm der
Stiel ins Gesicht und gab ihm einen ungewaschenen Schlag. 'O wei, o
wei,' schrie der Herr Schulz, 'nimm mich gefangen, ich ergeb mich,
ich ergeb mich!, Die andern sechs hüpften auch alle einer über den
andern herzu und schrien 'gibst du dich, so geb ich mich auch, gibst
du dich, so geb ich mich auch.' Endlich, wie kein Feind da war, der
sie binden und fortführen wollte, merkten sie, daß sie betrogen
waren: und damit die Geschichte nicht unter die Leute käme, und sie
nicht genarrt und gespottet würden, verschwuren sie sich
untereinander, so lang davon stillzuschweigen, bis einer unverhofft
das Maul auftäte.
Hierauf zogen sie weiter. Die zweite
Gefährlichkeit, die sie erlebten, kann aber mit der ersten nicht
verglichen werden. Nach etlichen Tagen trug sie ihr Weg durch ein
Brachfeld, da saß ein Hase in der Sonne und schlief, streckte die
Ohren in die Höhe, und hatte die großen gläsernen Augen starr
aufstehen. Da erschraken sie bei dem Anblick des grausamen und
wilden Tieres insgesamt und hielten Rat, was zu tun das wenigst
Gefährliche wäre. Denn so sie fliehen wollten, war zu besorgen, das
Ungeheuer setzte ihnen nach und verschlänge sie alle mit Haut und
Haar. Also sprachen sie 'wir müssen einen großen und gefährlichen
Kampf bestehen, frisch gewagt ist halb gewonnen!' faßten alle
siebene den Spieß an' der Herr Schulz vorn und der Veitli hinten.
Der Herr Schulz wollte den Spieß noch immer anhalten, der Veitli
aber war hinten ganz mutig geworden, wollte losbrechen und rief
'stoß zu in aller Schwabe Name,
sonst wünsch i, daß ihr möcht erlahme.'
Aber der Hans wußt ihn zu treffen und sprach
'beim Element, du hascht gut schwätze,
bischt stets der letscht beim Drachehetze.'
Der Michal rief
'es wird nit fehle um ein Haar'
so ischt es wohl der Teufel gar.'
Drauf kam an den Jergli die Reihe, der sprach
'ischt er es nit, so ischts sei Muter
oder des Teufels Stiefbruder.'
Der Marli hatte da einen guten Gedanken und sagte zum Veitli
'gang, Veitli, gang, gang du voran,
i will dahinte vor di stahn.'
Der Veitli hörte aber nicht drauf, und der Jackli sagte
'der Schulz, der muß der erschte sei,
denn ihm gebührt die Ehr allei.'
Da nahm sich der Herr Schulz ein Herz und sprach gravitätisch
'so zieht denn herzhaft in den Streit,
hieran erkennt man tapfre Leut.'
Da gingen sie insgesamt auf den Drachen los. Der Herr Schulz segnete
sich und rief Gott um Beistand an: wie aber das alles nicht helfen
wollte und er dem Feind immer näher kam, schrie er in großer Angst
'hau; hurlehau! hau! hauhau!, Davon er
wachte der Has, erschrak und sprang eilig davon. Als ihn der Herr
Schulz so feldflüchtig sah, da rief er voll Freude
'potz, Veitli, lueg, lueg' was isch das?
das Ungehüer ischt a Has.'
Der Schwabenbund suchte aber weiter Abenteuer und kam an die Mosel,
ein mosiges, stilles und tiefes Wasser, darüber nicht viel Brücken
sind, sondern man an mehrern Orten sich muß in Schiffen überfahren
lassen. Weil die sieben Schwaben dessen unberichtet waren, riefen
sie einem Mann, der jenseits des Wassers seine Arbeit vollbrachte,
zu, wie man doch hinüberkommen könnte. Der Mann verstand wegen der
Weite und wegen ihrer Sprache nicht, was sie wollten, und fragte auf
sein Trierisch 'wat? wat!, Da meinte der Herr Schulz, er spräche
nicht anders als 'wate, wate durchs Wasser,' und hub an, weil er der
vorderste war, sich auf den Weg zu machen und in die Mosel
hineinzugehen. Nicht lang, so versank er in den Schlamm und in die
antreibenden tiefen Wellen, seinen Hut aber jagte der Wind hinüber
an das jenseitige Ufer, und ein Frosch setzte sich dabei und quakte
'wat, wat, wat.' Die sechs andern hörten das drüben und sprachen
'unser Gesell, der Herr Schulz, ruft uns, kann er hinüberwaten,
warum wir nicht auch?' Sprangen darum eilig alle zusammen in das
Wasser und ertranken, also daß ein Frosch ihrer sechse ums Leben
brachte, und niemand von dem Schwabenbund wieder nach Haus kam.

Die Sterntaler
Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war
Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein
Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr
hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die
Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein
mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und
weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf
den lieben Gott hinaus ins Feld.
Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: »Ach, gib mir etwas zu
essen, ich bin so hungerig.« Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot
und sagte: »Gott segne dir's«, und ging weiter.
Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: »Es friert mich so an
meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.« Da tat
es seine Mütze ab und gab sie ihm.
Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und
hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm seins; und noch
weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin.
Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden,
da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen
dachte: »Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl
dein Hemd weggeben«, und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin.
Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die
Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich
sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom
allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war
reich für sein Lebtag.

Doktor Allwissend
Es war einmal ein armer Bauer namens Krebs,
der fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte
es für zwei Taler an einen Doktor. Wie ihm nun das Geld ausbezahlt
wurde, saß der Doktor gerade zu Tisch; da sah der Bauer, wie er
schön aß und trank, und das Herz ging ihm danach auf, und er wäre
auch gern ein Doktor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen
und fragte endlich, ob er nicht auch könnte ein Doktor werden. „O
ja", sagte der Doktor, „das ist bald geschehen." „Was muß ich tun?"
fragte der Bauer. „Erstlich kauf dir ein Abecebuch, so eins, wo vorn
ein Gockelhahn drin ist; zweitens mache deinen Wagen und deine zwei
Ochsen zu Geld und schaff dir damit Kleider an und was sonst zur
Doktorei gehört; drittens laß dir ein Schild malen mit den Worten:
,Ich bin der Doktor Allwissend’ und laß das oben über deine Haustür
nageln!" Der Bauer tat alles, wie’s ihm geheißen war. Als er nun ein
wenig gedoktert hatte, aber noch nicht viel, ward einem reichen,
großen Herrn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Doktor Allwissend
gesagt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wissen müßte, wo
das Geld hingekommen wäre. Also ließ der Herr seinen Wagen
anspannen, fuhr hinaus ins Dorf und fragte bei ihm an, ob er der
Doktor Allwissend wäre. Ja, der wär er. So sollte er mitgehen und
das gestohlene Geld wieder schaffen. O ja, aber die Grete, seine
Frau müßte auch mit. Der Herr war damit zufrieden und ließ sie beide
in den Wagen sitzen, und sie fuhren zusammen fort. Als sie auf den
adligen Hof kamen, war der Tisch gedeckt; da sollte er erst
mitessen. Ja, aber seine Frau, die Grete, auch, sagte er und setzte
sich mit ihr hinter den Tisch. Wie nun der erste Bediente mit einer
Schüssel schönem Essen kam, stieß der Bauer seine Frau an und sagte:
„Grete, das war der erste", und meinte, es wäre derjenige, welcher
das erste Essen brächte. Der Bediente aber meinte, er hätte damit
sagen wollen: Das ist der erste Dieb; und weil er's nun wirklich
war, ward ihm angst, und er sagte draußen zu seinen Kameraden: „Der
Doktor weiß alles, wir kommen übel an; er hat gesagt, ich wäre der
erste." Der zweite wollte gar nicht herein, er mußte aber doch. Wie
er nun mit seiner Schüssel herein kam, stieß der Bauer seine Frau
an: „Grete, das ist der zweite." Dem Bedienten ward ebenfalls angst,
und er machte, daß er hinauskam. Dem dritten ging's nicht besser;
der Bauer sagte wieder: „Grete, das ist der dritte." Der vierte
mußte eine verdeckte Schüssel hereintragen, und der Herr sprach zum
Doktor, er sollte seine Kunst zeigen und raten, was darunter läge;
es waren aber Krebse. Der Bauer sah die Schüssel an, wußte nicht,
wie er sich helfen sollte, und sprach: „Ach, ich armer Krebs!" Wie
der Herr das hörte, rief er: „Da, er weiß es, nun weiß er auch, wer
das Geld hat."
Dem Bedienten aber ward gewaltig angst, und er
blinzelte den Doktor an, er möchte einmal herauskommen. Wie er nun
hinauskam, gestanden sie ihm alle viere, sie hätten das Geld
gestohlen; sie wollten’s ja gerne herausgeben und ihm eine schwere
Summe dazu, wenn er sie nicht verraten wollte; es ginge ihnen sonst
an den Hals. Sie führten ihn auch hin, wo das Geld versteckt lag.
Damit war der Doktor zufrieden, ging wieder hinein, setzte sich an
den Tisch und sprach: „Herr, nun will ich in meinem Buch suchen, wo
das Geld steckt." Der fünfte Bediente aber kroch in den Ofen und
wollte hören, ob der Doktor noch mehr wüßte. Der saß aber und schlug
sein Abecebuch auf, blätterte hin und her und suchte den Gockelhahn.
Weil er ihn nicht gleich finden konnte, sprach er: „Du bist doch
darin und mußt auch heraus." Da glaubte der im Ofen, er wäre
gemeint, sprang voller Schrecken heraus und rief: „Der Mann weiß
alles." Nun zeigte der Doktor Allwissend dem Herrn, wo das Geld lag,
sagte aber nicht, wer’s gestohlen hatte, bekam von beiden Seiten
viel Geld zur Belohnung und ward ein berühmter Mann.

Dornröschen
Vorzeiten war ein König und eine Königin, die
sprachen jeden Tag: »Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!«, und
kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im
Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr
sprach: »Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht,
wirst du eine Tochter zur Welt bringen.« Was der Frosch gesagt
hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so
schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein
großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine Verwandte, Freunde
und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem
Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem
Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie
essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward
mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die
weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend,
die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem,
was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan
hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür
rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder
nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: »Die Königstochter soll
sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot
hinfallen.« Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um
und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte
hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen
Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie:
»Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer
Schlaf, in welchen die Königstochter fällt."
Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren
wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen
Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die
Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön,
sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah,
liebhaben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn
Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das
Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten
herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich
auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und
gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein
verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe auf, und
saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel
und spann emsig ihren Flachs. »Guten Tag, du altes Mütterchen«,
sprach die Königstochter, »was machst du da?« »Ich spinne«, sagte
die Alte und nickte mit dem Kopf. -,»Was ist das für ein Ding, das
so lustig herumspringt?« sprach das Mädchen, nahm die Spindel und
wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so
ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den
Finger.
In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das
Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und
dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und
die Königin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten
waren, fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da
schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben
auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem
Herd flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf
zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas
versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und
schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß
regte sich kein Blättchen mehr.
Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die
jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber
hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht
die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem
schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter
genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die
Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht
möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest
zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht
wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen,
langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land und
hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte
ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne
Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren
schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der
ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele
Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die
Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben und
eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: »Ich
fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen
sehen. « Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte
nicht auf seine Worte.
Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war
gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn
sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen,
die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt
hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke
zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde
liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das
Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam,
schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch
die Hand, als wollte er den jungen anpacken, und die Magd saß vor
dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter und
sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei
dem Throne lag der König und die Königin. Da ging er noch weiter,
und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte, und
endlich kam er zu dem Turm und öffnete
die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da
lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und
er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt
hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn
ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König
erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander
mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten
sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache
zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins
Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feuer in der
Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing
wieder an zu brutzeln; und der Koch gab dem jungen eine Ohrfeige,
daß er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die
Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht
gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

Frau Holle
Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die
eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber
die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel
lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und der Aschenputtel im
Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße
bei einem Brunnen setzen und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut
aus den Fingern sprang.
Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte
es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang
ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur
Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so
heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach: »Hast du die Spule
hinunterfallen lassen, so hoi sie auch wieder herauf. « Da ging das
Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht, was es anfangen
sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein,
um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte
und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo
die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese
ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das
Brot aber rief: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn
ich: ich bin schon längst aus gebacken.«
Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander
heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll
Äpfel, und rief ihm zu: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir
Äpfel sind alle miteinander reif. « Da schüttelte es den Baum, daß
die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr
oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging
es wieder weiter.
Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau,
weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte
fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest du
dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause
ordentlich tun willst, so soll dir's gut gehn. Du mußt nur
achtgeben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst,
daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die
Frau Holle.« Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das
Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es
besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das
Bett immer gewaltig, auf daß die Federn wie Schneeflocken
umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses
Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.
Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und
wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, daß
es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als
zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu
ihr: »Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch
noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben,
ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.« Die Frau Holle sagte: »Es
gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so
treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.«
Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor.
Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand,
fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen,
so daß es über und über davon bedeckt war. »Das sollst du haben,
weil du so fleißig gewesen bist«, sprach die Frau Holle und gab ihm
auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf
ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der
Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam,
saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:
»Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.«
Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt
ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.
Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter
hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der
andern, häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück
verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und
damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß
sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den
Brunnen und sprang selber hinein.
Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben
Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot
wieder: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich,
ich bin schon längst ausgebacken. « Die Faule aber antwortete: »Da
hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen«, und ging fort.
Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: »Ach, schüttel mich,
schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif. « Sie
antwortete aber: »Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den
Kopf fallen«, und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus
kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen
schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag
tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Hohe, wenn
sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr
schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen,
am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie
machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich's gebührte, und
schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau
Hohe bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl
zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle
führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt
des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. »Das ist zur
Belohnung deiner Dienste«, sagte die Frau Holle und schloß das Tor
zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und
der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief:
» Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist
wieder hie.«
Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie
lebte, nicht abgehen.

Hans im Glück
Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn
gedient, da sprach er zu ihm 'Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte
ich gerne wieder heim zu meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn.' Der
Herr antwortete 'du hast mir treu und ehrlich gedient, wie der
Dienst war, so soll der Lohn sein,' und gab ihm ein Stück Gold, das
so groß als Hansens Kopf war. Hans zog ein Tüchlein aus der Tasche,
wickelte den Klumpen hinein, setzte ihn auf die Schulter und machte
sich auf den Weg nach Haus. Wie er so dahinging und immer ein Bein
vor das andere setzte, kam ihm ein Reiter in die Augen, der frisch
und fröhlich auf einem muntern Pferd vorbeitrabte. 'Ach,' sprach
Hans ganz laut, 'was ist das Reiten ein schönes Ding! da sitzt einer
wie auf einem Stuhl, stößt sich an keinen Stein, spart die Schuh,
und kommt fort, er weiß nicht wie.' Der Reiter, der das gehört
hatte, hielt an und rief 'ei, Hans, warum laufst du auch zu Fuß?'
'Ich muß ja wohl,' antwortete er, 'da habe ich einen Klumpen heim zu
tragen: es ist zwar Gold, aber ich kann den Kopf dabei nicht gerad
halten, auch drückt mirs auf die Schulter.' 'Weißt du was,' sagte
der Reiter, 'wir wollen tauschen: ich gebe dir mein Pferd, und du
gibst mir deinen Klumpen.' 'Von Herzen gern,' sprach Hans, 'aber ich
sage Euch, Ihr müßt Euch damit schleppen.' Der Reiter stieg ab, nahm
das Gold und half dem Hans hinauf, gab ihm die Zügel fest in die
Hände und sprach 'wenns nun recht geschwind soll gehen, so mußt du
mit der Zunge schnalzen und hopp hopp rufen.'
Hans war seelenfroh, als er auf dem Pferde saß und so frank und frei
dahinritt. Über ein Weilchen fiels ihm ein, es sollte noch schneller
gehen, und fing an mit der Zunge zu schnalzen und hopp hopp zu
rufen. Das Pferd setzte sich in starken Trab, und ehe sichs Hans
versah' war er abgeworfen und lag in einem Graben, der die Äcker von
der Landstraße trennte. Das Pferd wäre auch durchgegangen, wenn es
nicht ein Bauer auf gehalten hätte, der des Weges kam und eine Kuh
vor sich hertrieb. Hans suchte seine Glieder zusammen und machte
sich wieder auf die Beine. Er war aber verdrießlich und sprach zu
dem Bauer 'es ist ein schlechter Spaß, das Reiten, zumal, wenn man
auf so eine Mähre gerät, wie diese, die stößt und einen herabwirft,
daß man den Hals brechen kann; ich setze mich nun und nimmermehr
wieder auf. Da lob ich mir Eure Kuh, da kann einer mit
Gemächlichkeit hinterhergehen, und hat obendrein seine Milch, Butter
und Käse jeden Tag gewiß. Was gäb ich darum, wenn ich so eine Kuh
hätte!' 'Nun,' sprach der Bauer, 'geschieht Euch so ein großer
Gefallen, so will ich Euch wohl die Kuh für das Pferd vertauschen.'
Hans willigte mit tausend Freuden ein: der Bauer schwang sich aufs
Pferd und ritt eilig davon.
Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und bedachte den glücklichen
Handel. 'Hab ich nur ein Stück Brot, und daran wird mirs noch nicht
fehlen, so kann ich, sooft mirs beliebe, Butter und Käse dazu essen;
hab ich Durst, so melk ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was
verlangst du mehr?' Als er zu einem Wirtshaus kam, machte er halt,
aß in der großen Freude alles, was er bei sich hatte, sein Mittags-
und Abendbrot, rein auf, und ließ sich für seine letzten paar Heller
ein halbes Glas Bier einschenken. Dann trieb er seine Kuh weiter,
immer nach dem Dorfe seiner Mutter zu. Die Hitze ward drückender, je
näher der Mittag kam, und Hans befand sich in einer Heide, die wohl
noch eine Stunde dauerte. Da ward es ihm ganz heiß, so daß ihm vor
Durst die Zunge am Gaumen klebte. 'Dem Ding ist zu helfen'' dachte
Hans, 'jetzt will ich meine Kuh melken und mich an der Milch laben.'
Er band sie an einen dürren Baum, und da er keinen Eimer hatte, so
stellte er seine Ledermütze unter, aber wie er sich auch bemühte, es
kam kein Tropfen Milch zum Vorschein. Und weil er sich ungeschickt
dabei anstellte, so gab ihm das ungeduldige Tier endlich mit einem
der Hinterfüße einen solchen Schlag vor den Kopf, daß er zu Boden
taumelte und eine Zeitlang sich gar nicht besinnen konnte, wo er
war. Glücklicherweise kam gerade ein Metzger des Weges, der auf
einem Schuhkarren ein junges Schwein liegen hatte. 'Was sind das für
Streiche!' rief er und half dem guten Hans auf. Hans erzählte, was
vorgefallen war. Der Metzger reichte ihm seine Flasche und sprach
'da trinkt einmal und erholt Euch. Die Kuh will wohl keine Milch
geben, das ist ein altes Tier, das höchstens noch zum Ziehen taugt
oder zum Schlachten.' 'Ei, ei,' sprach Hans und strich sich die
Haare über den Kopf, 'wer hätte das gedacht! es ist freilich gut,
wenn man so ein Tier ins Haus abschlachten kann, was gibts für
Fleisch! aber ich mache mir aus dem Kuhfleisch nicht viel, es ist
mir nicht saftig genug. Ja, wer so ein junges Schwein hätte! das
schmeckt anders, dabei noch die Würste.' 'Hört, Hans,' sprach da der
Metzger, 'Euch zuliebe will ich tauschen und will Euch das Schwein
für die Kuh lassen.' 'Gott lohn Euch Eure Freundschaft,' sprach
Hans, übergab ihm die Kuh, ließ sich das Schweinchen vom Karren
losmachen und den Strick, woran es gebunden war, in die Hand geben.
Hans zog weiter und überdachte, wie ihm doch alles nach Wunsch
ginge, begegnete ihm ja eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch
gleich wieder gutgemacht. Es gesellte sich danach ein Bursch zu ihm,
der trug eine schöne weiße Gans unter dem Arm. Sie boten einander
die Zeit, und Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen, und wie er
immer so vorteilhaft getauscht hätte. Der Bursch erzählte ihm, daß
er die Gans zu einem Kindtaufschmaus brächte. 'Hebt einmal,' fuhr er
fort und packte sie bei den Flügeln, 'wie schwer sie ist, die ist
aber auch acht Wochen lang genudelt worden. Wer in den Braten beißt,
muß sich das Fett von beiden Seiten abwischen.' 'Ja,' sprach Hans,
und wog sie mit der einen Hand, 'die hat ihr Gewicht, aber mein
Schwein ist auch keine Sau.' Indessen sah sich der Bursch nach allen
Seiten ganz bedenklich um, schüttelte auch wohl mit dem Kopf.
'Hört,' fing er darauf an, 'mit Eurem Schweine mags nicht ganz
richtig sein. In dem Dorfe, durch das ich gekommen bin, ist eben dem
Schulzen eins aus dem Stall gestohlen worden. Ich fürchte, ich
fürchte, Ihr habts da in der Hand. Sie haben Leute ausgeschickt, und
es wäre ein schlimmer Handel, wenn sie Euch mit dem Schwein
erwischten: das Geringste ist, daß Ihr ins finstere Loch gesteckt
werdet.' Dem guten Hans ward bang, 'ach Gott,' sprach er, 'helft mir
aus der Not, Ihr wißt hier herum bessern Bescheid, nehmt mein
Schwein da und laßt mir Eure Gans.' 'Ich muß schon etwas aufs Spiel
setzen,' antwortete der Bursche, 'aber ich will doch nicht schuld
sein, daß Ihr ins Unglück geratet.' Er nahm also das Seil in die
Hand und trieb das Schwein schnell auf einen Seitenweg fort: der
gute Hans aber ging, seiner Sorgen entledigt, mit der Gans unter dem
Arme der Heimat zu. 'Wenn ichs recht überlege,' sprach er mit sich
selbst, 'habe ich noch Vorteil bei dem Tausch: erstlich den guten
Braten, hernach die Menge von Fett, die herausträu feln wird, das
gibt Gänsefettbrot auf ein Vierteljahr, und endlich die schönen
weißen Federn, die laß ich mir in mein Kopfkissen stopfen, und
darauf will ich wohl ungewiegt einschlafen. Was wird meine Mutter
eine Freude haben!'
Als er durch das letzte Dorf gekommen war, stand da ein
Scherenschleifer mit seinem Karren, sein Rad schnurrte, und er sang
dazu.
'ich schleife die Schere und drehe geschwind,
und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind.'
Hans blieb stehen und sah ihm zu; endlich redete er ihn an und
sprach 'Euch gehts wohl, weil Ihr so lustig bei Eurem Schleifen
seid.' 'Ja,' antwortete der Scherenschleifer, 'das Handwerk hat
einen güldenen Boden. Ein rechter Schleifer ist ein Mann, der, sooft
er in die Tasche greift, auch Geld darin findet. Aber wo habt Ihr
die schöne Gans gekauft?' 'Die hab ich nicht gekauft, sondern für
mein Schwein eingetauscht.' 'Und das Schwein?' 'Das hab ich für eine
Kuh gekriegt.' 'Und die Kuh?' 'Die hab ich für ein Pferd bekommen.'
'Und das Pferd?' 'Dafür hab ich
einen Klumpen Gold, so groß als mein Kopf, gegeben.' 'Und das Gold?'
'Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Dienst.' 'Ihr habt Euch
jederzeit zu helfen gewußt,' sprach der Schleifer, 'könnt Ihrs nun
dahin bringen, daß Ihr das Geld in der Tasche springen hört, wenn
Ihr aufsteht, so habt Ihr Euer Glück gemacht.' 'Wie soll ich das
anfangen?' sprach Hans. 'Ihr müßt ein Schleifer werden wie ich; dazu
gehört eigentlich nichts als ein Wetzstein, das andere findet sich
schon von selbst. Da hab ich einen, der ist zwar ein wenig
schadhaft, dafür sollt Ihr mir aber auch weiter nichts als Eure Gans
geben; wollt Ihr das?' 'Wie könnt Ihr noch fragen,' antwortete Hans,
'ich werde ja zum glücklichsten Menschen auf Erden; habe ich Geld,
sooft ich in die Tasche greife, was brauche ich da länger zu
sorgen?' reichte ihm die Gans hin, und nahm den Wetzstein in
Empfang. 'Nun,' sprach der Schleifer und hob einen gewöhnlichen
schweren Feldstein, der neben ihm lag, auf, 'da habt Ihr noch einen
tüchtigen Stein dazu, auf dem sichs gut schlagen läßt und Ihr Eure
alten Nägel gerade klopfen könnt. Nehmt ihn und hebt ihn ordendich
auf.'
Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine
Augen leuchteten vor Freude, 'ich muß in einer Glückshaut geboren
sein,' rief er aus 'alles, was ich wünsche, trifft mir ein, wie
einem Sonntagskind.' Indessen, weil er seit Tagesanbruch auf den
Beinen gewesen war, begann er müde zu werden; auch plagte ihn der
Hunger, da er allen Vorrat auf einmal in der Freude über die
erhandelte Kuh aufgezehrt hatte. Er konnte endlich nur mit Mühe
weitergehen und mußte jeden Augenblick halt machen; dabei drückten
ihn die Steine ganz erbärmlich. Da konnte er sich des Gedankens
nicht erwehren, wie gut es wäre, wenn er sie gerade jetzt nicht zu
tragen brauchte. Wie eine Schnecke kam er zu einem Feldbrunnen
geschlichen, wollte da ruhen und sich mit einem frischen Trunk
laben: damit er aber die Steine im Niedersitzen nicht beschädigte,
legte er sie bedächtig neben sich auf den Rand des Brunnens. Darauf
setzte er sich nieder und wollte sich zum Trinken bücken, da versah
ers, stieß ein klein wenig an, und beide Steine plumpten hinab.
Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken
sehen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott
mit Tränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch erwiesen
und ihn auf eine so gute Art, und ohne daß er sich einen Vorwurf zu
machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte, die ihm
allein noch hinderlich gewesen wären. 'So glücklich wie ich,' rief
er aus, 'gibt es keinen Menschen unter der Sonne.' Mit leichtem
Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei
seiner Mutter war.

Hänsel und Gretel
Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau
und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen
Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als
große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr
schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich
vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: "Was
soll aus uns werden ? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren da
wir für uns selbst nichts mehr haben ?" "Weißt du was, Mann,
antwortete die Frau, "wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder
hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir
ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann
gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg
nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los." "Nein, Frau", sagte
der Mann, "das tue ich nicht; wie sollt ich's übers Herz bringen,
meine Kinder im Walde allein zu lassen ! Die wilden Tiere würden
bald kommen und sie zerreißen." "Oh, du Narr", sagte sie, "dann
müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für
die Särge hobeln", und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte.
"Aber die armen Kinder dauern mich doch", sagte der Mann. Die zwei
Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten
gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte
bittere Tränen und sprach zu Hänsel: "Nun ist's um uns geschehen."
"Still, Gretel", sprach Hänsel, "gräme dich nicht, ich will uns
schon helfen." Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf,
zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich
hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine,
die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte
sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein
wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: "Sei getrost,
liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht
verlassen", und legte sich wieder in sein Bett.
Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon
die Frau und weckte die beiden Kinder: "Steht auf, ihr Faulenzer,
wir wollen in den Wald gehen und Holz holen." Dann gab sie jedem ein
Stückchen Brot und sprach: "Da habt ihr etwas für den Mittag, aber
eßt's nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts." Gretel nahm das
Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte.
Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als
sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach
dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater
sprach: "Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und
vergiß deine Beine nicht!" "Ach, Vater", sagte Hänsel, "ich sehe
nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will
mir Ade sagen." Die Frau sprach: "Narr, das ist dein Kätzchen nicht,
das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint." Hänsel
aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von
den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.
Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: "Nun
sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr
nicht friert." Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen
kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme
recht hoch brannte, sagte die Frau: "Nun legt euch ans Feuer, ihr
Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz.
Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab."
Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß
jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt
hörten, so glaubten sie, ihr Vater wär' in der Nähe. Es war aber
nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum
gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so
lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und
sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon
finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: "Wie sollen wir
nun aus dem Wald kommen ?" Hänsel aber tröstete sie: "Wart nur ein
Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg
schon finden." Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm
Hänsel sein Schwesterchern an der Hand und ging den Kieselsteinen
nach, die schimmerten wie neugeschlagene Batzen und zeigten ihnen
den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei
anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die
Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel
waren, sprach sie: "Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde
geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wollet gar nicht wiederkommen."
Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß
er sie so allein zurückgelassen hatte.
Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder
hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: "Alles
ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot,
hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen
sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder
herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns." Dem Mann fiel's
schwer aufs Herz, und er dachte: Es wäre besser, daß du den letzten
Bissen mit deinen Kindern teiltest. Aber die Frau hörte auf nichts,
was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muß B
sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte, so mußte er es
auch zum zweitenmal.
Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch
mitangehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf,
wollte hinaus und die Kieselsteine auflesen, wie das vorigemal; aber
die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus.
Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: "Weine nicht,
Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen."
Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette.
Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das
vorigemal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der
Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde.
"Hänsel, was stehst du und guckst dich um ?" sagte der Vater, "geh
deiner Wege !" "Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem
Dache und will mir Ade sagen", antwortete Hänsel. "Narr", sagte die
Frau, "das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf
den Schornstein oben scheint." Hänsel aber warf nach und nach alle
Bröcklein auf den Weg.
Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr
Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer
angemacht, und die Mutter sagte: "Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder,
und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in
den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen
wir und holen euch ab." Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot
mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann
schliefen sie ein, und der Abend verging; aber niemand kam zu den
armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel
tröstete sein Schwesterchen und sagte: "Wart nur, Gretel, bis der
Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich
ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus" Als der Mond
kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn
die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die
hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: "Wir werden den Weg
schon finden." Aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht
und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald
nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die
paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren,
daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich
unter einen Baum und schliefen ein. Nun war's schon der dritte
Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen
wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und
wenn nicht bald Hilfe kam, mußten sie verschmachten. Als es Mittag
war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vögelein auf einem Ast
sitzen, das sang so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten.
Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen
her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten,
auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nahe herankamen, so
sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen
gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. "Da wollen wir
uns dranmachen", sprach Hänsel, "und eine gesegnete Mahlzeit halten.
Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster
essen, das schmeckt süß." Hänsel reichte in die Höhe und brach sich
ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel
stellte sich an die Scheiben und knupperte daran. Da rief eine feine
Stimme aus der Stube heraus:
"Knupper, knupper, Kneischen,
Wer knuppert an meinem Häuschen ?"
Die Kinder antworteten:
"Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind",
und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das
Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter,
und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich
nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe auf, und
eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam
herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie
fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte
mit dem Kopfe und sprach: "Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch
hierher gebracht ? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht
euch kein Leid." Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr
Häuschen. Da ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen
mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein
weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten,
sie wären im Himmel.
Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine
böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein
bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so
machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag.
Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie
haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken's, wenn Menschen
herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie
boshaft und sprach höhnisch: "Die habe ich, die sollen mir nicht
wieder entwischen !" Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren,
stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit
den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: "Das wird ein
guter Bissen werden." Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und
trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre
ein. Er mochte schrein, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging
sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: "Steh auf, Faulenzerin,
trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im
Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn
essen." Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles
vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.
Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam
nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem
Ställchen und rief: "Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich
fühle, ob du bald fett bist." Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein
heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen
und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er
gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel
immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht
länger warten. "Heda, Gretel", rief sie dem Mädchen zu, "sei flink
und trag Wasser ! Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich
ihn schlachten und kochen." Ach, wie jammerte das arme
Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm
die Tränen über die Backen herunter ! "Lieber Gott, hilf uns doch",
rief sie aus, "hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so
wären wir doch zusammen gestorben !" "Spar nur dein Geplärre", sagte
die Alte, "es hilft dir alles nichts."
Früh morgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen
und Feuer anzünden. "Erst wollen wir backen" sagte die Alte, "ich
habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet." Sie stieß
das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen
schon herausschlugen "Kriech hinein", sagte die Hexe, "und sieh zu,
ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können"
Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel
sollte darin braten, und dann wollte sie's aufessen. Aber Gretel
merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach "Ich weiß nicht, wie ich's
machen soll; wie komm ich da hinein ?" "Dumme Gans", sagte die Alte,
"die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst
hinein", krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da
gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die
eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu ! Da fing sie an zu
heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose
Hexe mußte elendiglich verbrennen.
Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen
und rief: "Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot " Da
sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe
aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut sind sich um den Hals
gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt ! Und weil sie
sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der
Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und
Edelsteinen. "Die sind noch besser als Kieselsteine", sagte Hänsel
und steckte in seine Taschen, was hinein wollte. Und Gretel sagte"
Ich will auch etwas mit nach Haus bringen", und füllte sein
Schürzchen voll. "Aber jetzt wollen wir fort", sagte Hänsel, "damit
wir aus dem Hexenwald herauskommen." Als sie aber ein paar Stunden
gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. "Wir können
nicht hinüber", sprach Hänsel, "ich seh keinen Steg und keine
Brücke." "Hier fährt auch kein Schiffchen", antwortete Gretel, "aber
da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns
hinüber." Da rief sie:
"Entchen, Entchen,
Da steht Gretel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
Nimm uns auf deinen weißen Rücken."
Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein
Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. "Nein", antwortete Gretel, "es
wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander
hinüberbringen." Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich
drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald
immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie
von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten
in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann
hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde
gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein
Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube
herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus
seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten
in lauter Freude zusammen.

König Drosselbart
Ein König hatte eine Tochter, die war über alle Maßen schön, aber
dabei so stolz und übermütig, daß ihr kein Freier gut genug war. Sie
wies einen nach dem andern ab, und trieb noch dazu Spott mit ihnen.
Einmal ließ der König ein großes Fest anstellen, und ladete dazu aus
der Nähe und Ferne die heiratslustigen Männer ein. Sie wurden alle
in eine Reihe nach Rang und Stand geordnet; erst kamen die Könige,
dann die Herzöge, die Fürsten, Grafen und Freiherrn, zuletzt die
Edelleute.
Nun ward die Königstochter durch die Reihen geführt, aber an jedem
hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick, 'das
Weinfaß!' sprach sie. Der andere zu lang, 'lang und schwank hat
keinen Gang.' Der dritte zu kurz, 'kurz und dick hat kein Geschick.'
Der vierte zu blaß, 'der bleiche Tod!' der fünfte zu rot, 'der
Zinshahn!' der sechste war nicht gerad genug, 'grünes Holz, hinterm
Ofen getrocknet!' Und so hatte sie an einem jeden etwas auszusetzen,
besonders aber machte sie sich über einen guten König lustig, der
ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war.
'Ei,' rief sie und lachte, 'der hat ein Kinn, wie die Drossel einen
Schnabel;, und seit der Zeit bekam er den Namen
D r o s s e l b a r t. Der alte König aber, als er sah, daß seine
Tochter nichts tat als über die Leute spotten, und alle Freier, die
da versammelt waren, verschmähte, ward er zornig und schwur, sie
sollte den ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine
Türe käme.
Ein paar Tage darauf hub ein Spielmann an unter dem Fenster zu
singen, um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als es der König
hörte, sprach er 'laßt ihn heraufkommen.' Da trat der Spielmann in
seinen schmutzigen verlumpten Kleidern herein, sang vor dem König
und seiner Tochter, und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe.
Der König sprach 'dein Gesang hat mir so wohl gefallen, daß ich dir
meine Tochter da zur Frau geben will.' Die Königstochter erschrak,
aber der König sagte 'ich habe den Eid getan, dich dem ersten besten
Bettelmann zu geben, den will ich auch halten.' Es half keine
Einrede, der Pfarrer ward geholt, und sie mußte sich gleich mit dem
Spielmann trauen lassen. Als das geschehen war, sprach der König
'nun schickt sichs nicht, daß du als ein Bettelweib noch Iänger in
meinem Schloß bleibst, du kannst nur mit deinem Manne fortziehen.'
Der Bettelmann führte sie an der Hand hinaus, und sie mußte mit ihm
zu Fuß fortgehen.
Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie
'ach, wem gehört der schöne Wald?'
'Der gehört dem König Drosselbart;
hättst du'n genommen, so wär er dein.'
'Ich arme Jungfer zart, ach, hätt ich genommen den König
Drosselbart!'
Darauf kamen sie über eine Wiese, da fragte
sie wieder
'wem gehört die schöne grüne Wiese?'
'Sie gehört dem König Drosselbart;
hättst du'n genommen, so wär sie dein.'
'Ich arme Jungfer zart' ach, hätt ich genommen den König
Drosselbart!'
Dann kamen sie durch eine große Stadt, da fragte sie wieder
'ach, wem gehört der schöne Wald?'
'Der gehört dem König Drosselbart;
hättst du'n genommen, so wär er dein.'
'Ich arme Jungfer zart, ach, hätt ich genommen den König
Drosselbart!'
'Es gefällt mir gar nicht,' sprach der Spielmann, 'daß du dir immer
einen andern zum Mann wünschest: bin ich dir nicht gut genug?'
Endlich kamen sie an ein ganz kleines Häuschen, da sprach sie
'ach, Gott, was ist das Haus so klein!
wem mag das elende winzige Häuschen sein?'
Der Spielmann antwortete 'das ist mein und dein Haus, wo wir
zusammen wohnen.' Sie mußte sich bücken, damit sie zu der niedrigen
Tür hineinkam. 'Wo sind die Diener?' sprach die Königstochter. 'Was
Diener!' antwortete der Bettelmann, 'du mußt selber tun, was du
willst getan haben. Mach nur gleich Feuer an und stell Wasser auf,
daß du mir mein Essen kochst; ich bin ganz müde.' Die Königstochter
verstand aber nichts vom Feueranmachen und Kochen, und der
Bettelmann mußte selber mit Hand anlegen, daß es noch so leidlich
ging. Als sie die schmale Kost verzehrt hatten, legten sie sich zu
Bett: aber am Morgen trieb er sie schon ganz früh heraus, weil sie
das Haus besorgen sollte. Ein paar Tage lebten sie auf diese Art
schlecht und recht, und zehrten ihren Vorrat auf. Da sprach der Mann
'Frau, so gehts nicht länger, daß wir hier zehren und nichts
verdienen. Du sollst Körbe flechten.'
Er ging aus, schnitt Weiden und brachte sie heim: da fing sie an zu
flechten, aber die harten Weiden stachen ihr die zarten Hände wund.
'Ich sehe, das geht nicht,' sprach der Mann, 'spinn lieber,
vielleicht kannst du das besser.' Sie setzte sich hin und versuchte
zu spinnen, aber der harte Faden schnitt ihr bald in die weichen
Finger, daß das Blut daran herunterlief. 'Siehst du,' sprach der
Mann, 'du taugst zu keiner Arbeit, mit dir bin ich schlimm
angekommen. Nun will ichs versuchen, und einen Handel mit Töpfen und
irdenem Geschirr anfangen: du sollst dich auf den Markt setzen und
die Ware feil halten.' 'Ach,' dachte sie, 'wenn auf den Markt Leute
aus meines Vaters Reich kommen, und sehen mich da sitzen und feil
halten, wie werden sie mich verspotten!'
Aber es half nichts, sie mußte sich fügen, wenn sie nicht Hungers
sterben wollten. Das erstemal gings gut, denn die Leute kauften der
Frau, weil sie schön war, gern ihre Ware ab, und bezahlten, was sie
forderte: ja, viele gaben ihr das Geld, und ließen ihr die Töpfe
noch dazu . Nun lebten sie von dem Erworbenen, solange es dauerte,
da handelte der Mann wieder eine Menge neues Geschirr ein. Sie
setzte sich damit an eine Ecke des Marktes, und stellte es um sich
her und hielt feil.
Da kam plötzlich ein trunkener Husar dahergejagt, und ritt geradezu
in die Töpfe hinein, daß alles in tausend Scherben zersprang. Sie
fing an zu weinen und wußte vor Angst nicht, was sie anfangen
sollte. 'Ach, wie wird mirs ergehen!' rief sie, 'was wird mein Mann
dazu sagen!' Sie lief heim und erzählte ihm das Unglück. 'Wer setzt
sich auch an die Ecke des Marktes mit irdenem Geschirr!' sprach der
Mann, 'laß nur das Weinen, ich sehe wohl, du bist zu keiner
ordentlichen Arbeit zu gebrauchen. Da bin ich in unseres Königs
Schloß gewesen und habe gefragt, ob sie nicht eine Küchenmagd
brauchen könnten, und sie haben mir versprochen, sie wollten dich
dazu nehmen; dafür bekommst du freies Essen.'
Nun ward die Königstochter eine Küchenmagd, mußte dem Koch zur Hand
gehen und die sauerste Arbeit tun. Sie machte sich in beiden Taschen
ein Töpfchen fest, darin brachte sie nach Haus was ihr von dem
Übriggebliebenen zuteil ward, und davon nährten sie sich. Es trug
sich zu, daß die Hochzeit des ältesten Königssohnes sollte gefeiert
werden, da ging die arme Frau hinauf, stellte sich vor die Saaltüre
und wollte zusehen. Als nun die Lichter angezündet waren, und immer
einer schöner als der andere hereintrat, und alles voll Pracht und
Herrlichkeit war, da dachte sie mit betrübtem Herzen an ihr
Schicksal und verwünschte ihren Stolz und Übermut, der sie
erniedrigt und in so große Armut gestürzt hatte. Von den köstlichen
Speisen, die da ein- und ausgetragen wurden, und von welchen der
Geruch zu ihr aufstieg, warfen ihr Diener manchmal ein paar Brocken
zu, die tat sie in ihr Töpfchen und wollte es heimtragen. Auf einmal
trat der Königssohn herein, war in Samt und Seide gekleidet und
hatte goldene Ketten um den Hals. Und als er die schöne Frau in der
Türe stehen sah, ergriff er sie bei der Hand und wollte mit ihr
tanzen, aber sie weigerte sich und erschrak, denn sie sah, daß es
der König Drosselbart war, der um sie gefreit und den sie mit Spott
abgewiesen hatte. Ihr Sträuben half nichts, er zog sie in den Saal:
da zerriß das Band, an welchem die Taschen hingen, und die Töpfe
fielen heraus, daß die Suppe floß und die Brocken umhersprangen. Und
wie das die Leute sahen, entstand ein allgemeines Gelächter und
Spotten, und sie war so beschämt, daß sie sich lieber tausend
Klafter unter die Erde gewünscht hätte. Sie sprang zur Türe hinaus
und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie ein Mann ein
und brachte sie zurück: und wie sie ihn ansah, war es wieder der
König Drosselbart.
Er sprach ihr freundlich zu 'fürchte dich nicht, ich und der
Spielmann, der mit dir in dem elenden Häuschen gewohnt hat, sind
eins: dir zuliebe habe ich mich so verstellt, und der Husar, der dir
die Töpfe entzweigeritten hat, bin ich auch gewesen. Das alles ist
geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für deinen
Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast.' Da weinte sie
bitterlich und sagte 'ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht
wert, deine Frau zu sein.' Er aber sprach 'tröste dich, die bösen
Tage sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.' Da
kamen die Kammerfrauen und taten ihr die prächtigsten Kleider an,
und ihr Vater kam und der ganze Hof, und wünschten ihr Glück zu
ihrer Vermählung mit dem König Drosselbart, und die rechte Freude
fing jetzt erst an. Ich wollte, du und ich, wir wären auch dabei
gewesen.

Rapunzel
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange
vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der
liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatte in ihrem
Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen
prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter
stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte
hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte
und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tags stand die Frau an
diesem Fenster und sah in den Garten hinab. Da erblickte sie ein
Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen
so frisch und grün aus, daß sie lüstern ward und das größte
Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm
jeden Tag zu, und da sie wußte, daß sie keine davon bekommen konnte,
so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrak der Mann
und fragte: "Was fehlt dir. liebe Frau ? "Ach, antwortete sie, "wenn
ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen
kriege so sterbe ich." Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: Eh du
deine Frau sterben läsest holst du ihr von den Rapunzeln, es mag
kosten, was es will. In der Abenddämmerung stieg er also über die
Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll
Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich
Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber
so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust
bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal in den
Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder
hinab. Als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er
gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. "wie kannst du
es wagen", sprach sie mit zornigem Blick, in meinen Garten zu
steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen ? Das soll
dir schlecht bekommen !" "Ach", antwortete er, laßt Gnade für Recht
ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat
Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein so großes
Gelüsten, daß sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen
bekommt. Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm:
"Verhält es sich so, wie du sagst so will ich dir gestatten,
Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst; allein ich mache eine
Bedingung: Du mußt mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt
bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie
eine Mutter." Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau
in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den
Namen R a p u n z e 1 und nahm es mit sich fort.
Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre
alt war, schloß es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde
lag und weder Treppe noch Türe hatte; nur ganz oben war ein kleines
Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich
unten hin und rief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
Rapunzel hatte lange, prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn
sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los,
wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare
zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.
Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs durch
den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang,
der war so lieblich, daß er stillhielt und horchte. Das war
Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre
süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr
hinaufsteigen und suchte nach einer Türe des Turms: aber es war
keine zu finden. Er ritt heim. Doch der Gesang hatte ihm so sehr das
Herz gerührt, daß er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte.
Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er, daß eine Zauberin
herankam, und hörte, wie sie hinaufrief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu
ihr hinauf. "Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so
will ich auch einmal mein Glück versuchen." Und den folgenden Tag,
als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.
Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam,
wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten. Doch der Königssohn
fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzählte ihr, daß von
ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden, daß es ihm keine
Ruhe gelassen und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor
Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne
nehmen wollte, und sie sah, daß er jung und schön war, so dachte
sie: Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gotel, und sagte
"Ja", und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: "Ich will gerne
mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann. Wenn
du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich
eine Leiter flechten, und wenn die fertig ist, so steige ich
herunter, und du nimmst mich auf dein Pferd." Sie verabredeten, daß
er bis dahin alle Abende zu ihr kommen sollte: Denn bei Tag kam die
Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel
anfing und zu ihr sagte: "Sag Sie mir doch, Frau Gotel, wie kommt es
nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den jungen
Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir ?" "Ach du gottloses
Kind !" rief die Zauberin, "was muß ich von dir hören; ich dachte,
ich hatte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch
betrogen !" In ihrem Zorn packte sie die schönen Haare der Rapunzel,
schlug sie ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der
rechten, und, ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten, und die
schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig,
daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem
Jammer und Elend leben mußte.
Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends
die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest,
und als der Königssohn kam und rief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er
fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die
ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. "Aha", rief sie höhnisch,
"du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht
mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird
dir auch noch die Augen auskratzen Für dich ist Rapunzel verloren,
du wirst sie nie wieder erblicken !" Der Königssohn geriet außer
sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm
herab. Das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel,
zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Wald umher, aß nichts
als Wurzeln und Beeren und tat nichts als jammern und weinen über
den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im
Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei wo Rapunzel mit den
Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und einem Mädchen,
kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihm so
bekannt. Da ging er darauf zu und wie er herankam, erkannte ihn
Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen
aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte
damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude
empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

Rotkäppchen
Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der
sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar
nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm
ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es
nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines
Tages sprach seine Mutter zu ihm: »Komm, Rotkäppchen, da hast du ein
Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus;
sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf,
bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam
und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas,
und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so
vergiß nicht, guten Morgen zu sagen, und guck nicht erst in alle
Ecken herum.«
»Ich will schon alles gut machen«, sagte Rotkäppchen zur Mutter und
gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald,
eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam,
begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wußte nicht, was das für
ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. »Guten Tag,
Rotkäppchen«, sprach er. »Schönen Dank, Wolf.« »Wo hinaus so früh,
Rotkäppchen?« »Zur Großmutter.« »Was trägst du unter der Schürze?«
»Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die
kranke und schwache Großmutter etwas zugut tun und sich damit
stärken.« »Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?« »Noch eine gute
Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da
steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen«,
sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: »Das junge zarte Ding,
das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die
Alte: du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst.« Da
ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er:
»Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen,
warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie
die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn
du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald.«
Rotkäppchen schlug die Augen aut, und als es sah, wie die
Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll
schöner Blumen stand, dachte es: »Wenn ich der Großmutter einen
frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist
so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme«, lief vom Wege
ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen
hatte, meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief
darnach, und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber
ging geradeswegs nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die
Türe. »Wer ist draußen?« »Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein,
mach auf.« »Drück nur auf die Klinke«, rief die Großmutter, »ich bin
zu schwach und kann nicht aufstehen. « Der Wolf drückte auf die
Klinke, die Türe sprang auf, und er ging, ohne ein Wort zu sprechen,
gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er
ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und
zog die Vorhänge vor.
Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so
viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die
Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es
wunderte sich, daß die Türe aufstand, und wie es in die Stube trat,
so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte: »Ei, du mein
Gott, wie ängstlich wird mir's heute zumut, und bin sonst so gerne
bei der Großmutter!« Es rief »Guten Morgen«, bekam aber keine
Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag
die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah
so wunderlich aus. »Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!«
»Daß ich dich besser hören kann.« »Ei, Großmutter, was hast du für
große Augen!« »Daß ich dich besser sehen kann.« »Ei, Großmutter, was
hast du für große Hände« »Daß ich dich besser packen kann.« »Aber,
Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!« »Daß ich
dich besser fressen kann.« Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er
einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.
Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins
Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Der Jäger
ging eben an dem Haus vorbei und dachte: »Wie die alte Frau
schnarcht, du mußt doch sehen, ob ihr etwas fehlt. « Da trat er in
die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er, daß der Wolf
darin lag. »Finde ich dich hier, du alter Sünder«, sagte er, »ich
habe dich lange gesucht. « Nun wollte er seine Büchse anlegen, da
fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie
wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing
an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar
Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch
ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief: »Ach, wie
war ich erschrocken, wie war's so dunkel in dem Wolf seinem Leib!«
Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und
konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine,
damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er
fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich
niedersank und sich totfiel.
Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und
ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein,
den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen
aber dachte: »Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab
in den Wald laufen, wenn dir's die Mutter verboten hat.«
Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rotkäppchen der alten
Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm
zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber
hütete sich und ging gerade fort seines Wegs und sagte der
Großmutter, daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag
gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: »Wenn's nicht
auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.« »Komm«,
sagte die Großmutter, »wir wollen die Türe verschließen, daß er
nicht herein kann.« Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: »Mach
auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes.«
Sie schwiegen aber still und machten die Türe nicht auf: da schlich
der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und
wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Haus ginge, dann wollte
er ihm nachschleichen und wollt's in der Dunkelheit fressen. Aber
die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus
ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind: »Nimm den Eimer,
Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser,
worin sie gekocht sind, in den Trog.« Rotkäppchen trug so lange, bis
der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den
Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab,
endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten
konnte und anfing zu rutschen: so ruschte er vom Dach herab, gerade
in den großen Trog hinein, und ertrank. Rotkäppchen aber ging
fröhlich nach Haus, und tat ihm niemand etwas zuleid.

Rumpelstilzchen
Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne
Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und
zu ihm sagte "ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold
spinnen". Dem König, der das Gold lieb hatte, gefiel die Kunst gar
wohl, und er befahl die Müllerstochter sollte alsbald vor ihn
gebracht werden. Dann führte er sie in eine Kammer, die ganz voll
Stroh war, gab ihr Rad und Haspel, und sprach "wenn du diese Nacht
durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so
mußt du sterben". Darauf ward die Kammer verschlossen, und sie blieb
allein darin.
Da saß nun die arme Müllerstochter, und wußte um ihr Leben keinen
Rat, denn sie verstand gar nichts davon, wie das Stroh zu Gold zu
spinnen war, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu
weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines
Männchen herein und sprach "guten Abend, Jungfer Müllerin, warum
weint sie so sehr?" "Ach", antwortete das Mädchen, "ich soll Stroh
zu Gold spinnen, und verstehe das nicht." Sprach das Männchen "was
gibst du mir, wenn ich dirs spinne?" "Mein Halsband" sagte das
Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das
Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die
Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr,
schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so gings
fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen
waren voll Gold. Als der König kam und nachsah, da erstaunte er und
freute sich, aber sein Herz wurde nur noch begieriger, und er ließ
die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die
noch viel größer war, und befahl ihr das auch in einer Nacht zu
spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wußte sich nicht
zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine
Männchen kam und sprach "was gibst du mir wenn ich dir das Stroh zu
Gold spinne?<~ "Meinen Ring von dem Finger" antwortete das Mädchen.
Das Männchen nahm den Ring, und fing wieder an zu schnurren mit dem
Rade, und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold
gesponnen. Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war
aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter
in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach "die mußt
du noch in dieser Nacht verspinnen; wenn dir das gelingt, sollst du
meine Gemahlin werden". "Denn", dachte er, "eine reichere Frau
kannst du auf der Welt nicht haben." Als das Mädchen allein war, kam
das Männlein zum drittenmal wieder, und sprach was gibst du mir,
wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne?" "Ich habe nichts mehr,
das ich geben könnte" antwortete das Mädchen. "So versprich mir,
wann du Königin wirst, dein erstes Kind." "Wer weiß wie das noch
geht" dachte die Müllerstochter, und wußte sich auch in der Not
nicht anders zu helfen, und versprach dem Männchen was es verlangte;
dafür spann das Männchen noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am
Morgen der König kam, und alles fand wie er gewünscht hatte, so
hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine
Königin.
Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt, und dachte gar
nicht mehr an das Männchen, da trat es in ihre Kammer und sprach
"nun gib mir, was du versprochen hast". Die Königin erschrak, und
bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das
Kind lassen wollte, aber das Männchen sprach ))nein, etwas Lebendes
ist mir lieber als alle Schätze der Welt~. Da fing die Königin so an
zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte,
und sprach "drei Tage will ich dir Zeit lassen, wenn du bis dahin
meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten".
Nun dachte die Königin die ganze Nacht über an alle Namen, die sie
jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte
sich erkundigen weit und breit nach neuen Namen. Als am andern Tag
das Männchen kam, fing sie an mit Caspar, Melchior, Balzer, und
sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem
sprach das Männlein "so heiß ich nicht" Den zweiten Tag ließ sie
herumfragen bei allen Leuten, und sagte dem Männlein die
ungewöhnlichsten und seltsamsten vor, Rippenbiest, Hammelswade,
Schnürbein, aber es blieb dabei "so heiß ich nicht" Den dritten Tag
kam der Bote wieder zurück, und erzählte "neue Namen habe ich keinen
einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Burg um die
Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da
ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das
Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem
Bein, und schrie
"heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut ist daß niemand weiß
daß ich Rumpelstilzchen heiß!"
Da war die Königin ganz froh daß sie den Namen wußte, und als bald
hernach das Männlein kam, und sprach "nun, Frau Königin, wie heiß
ich?" fragte sie erst "heißest du Kunz?" "Nein." "Heißest du Heinz?"
"Nein."
"Heißt du etwa Rumpelstilzchen?"
"Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt"
schrie das Männlein, und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief
in die Erde daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in
seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen, und riß sich selbst
mitten entzwei.

Schneeweißchen und Rosenrot
Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem
Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon
trug das eine weiße, das andere rote Rosen; und sie hatte zwei
Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß
Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und
gut, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt
gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als
Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher,
suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim
bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts
zu tun war. Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich
immer an den Händen faßten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn
Schneeweißchen sagte: »Wir wollen uns nicht verlassen«, so
antwortete Rosenrot: »Solange wir leben, nicht«, und die Mutter
setzte hinzu: »Was das eine hat, soll's mit dem andern teilen.« Oft
liefen sie im Walde allein umher und sammelten rote Beeren, aber
kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich
herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh
graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei, und die
Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wußten.
Kein Unfall traf sie - wenn sie sich im Walde verspätet hatten und
die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das
Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und
hatte ihrentwegen keine Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet
hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes
Kind in einem weißen, glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager sitzen.
Es stand auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts
und ging in den Wald hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie
ganz nahe bei einem Abgrunde geschlafen und wären gewiß
hineingefallen, wenn sie in der Dunkelheit noch ein paar Schritte
weitergegangen wären. Die Mutter aber sagte ihnen, das müßte der
Engel gewesen sein, der gute Kinder bewache.
Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Hüttchen der Mutter so
reinlich, daß es eine Freude war hineinzuschauen. Im Sommer besorgte
Rosenrot das Haus und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie
aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem
Bäumchen eine Rose. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an
und hing den Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von
Messing, glänzte aber wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends,
wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter: »Geh, Schneeweißchen, und
schieb den Riegel vor«, und dann setzten sie sich an den Herd, und
die Mutter nahm die Brille und las aus einem großen Buche vor und
die beiden Mädchen hörten zu, saßen und spannen; neben ihnen lag ein
Lämmchen auf dem Boden, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein
weißes Täubchen und hatte seinen Kopf unter den Flügel gesteckt.
Eines Abends, als sie so vertraulich beisammensaßen, klopfte jemand
an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach:
»Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der
Obdach sucht.« Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es
wäre ein armer Mann, aber der war es nicht, es war ein Bär, der
seinen dicken schwarzen Kopf zur Türe hereinstreckte. Rosenrot
schrie laut und sprang zurück: das Lämmchen blökte, das Täubchen
flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter
Bett. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte: »Fürchtet euch
nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will
mich nur ein wenig bei euch wärmen.« »Du armer Bär«, sprach die
Mutter, »leg dich ans Feuer und gib nur acht, daß dir dein Pelz
nicht brennt.« Dann rief sie: »Schneeweißchen, Rosenrot, kommt
hervor, der Bär tut euch nichts, er meint's ehrlich.« Da kamen sie
beide heran, und nach und nach näherten sich auch das Lämmchen und
Täubchen und hatten keine Furcht vor ihm. Der Bär sprach: »Ihr
Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelzwerk«, und sie
holten den Besen und kehrten dem Bär das Fell rein; er aber streckte
sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange,
so wurden sie ganz vertraut und trieben Mutwillen mit dem
unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den Händen, setzten
ihre Füßchen auf seinen Rücken und walgerten ihn hin und her, oder
sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los, und wenn er
brummte, so lachten sie. Der Bär ließ sich's aber gerne gefallen,
nur wenn sie's gar zu arg machten, rief er: »Laßt mich am Leben, ihr
Kinder.
Schneeweißchen, Rosenrot,
schlägst dir den Freier tot.«
Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die
Mutter zu dem Bär: »Du
kannst in Gottes Namen da am Herde liegenbleiben, so bist du vor der
Kälte und dem
bösen Wetter geschützt.« Sobald der Tag graute, ließen ihn die
beiden Kinder hinaus,
und er trabte über den Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der
Bär jeden Abend
zu der bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den
Kindern, Kurzweil
mit ihm zu treiben, soviel sie wollten; und sie waren so gewöhnt an
ihn, daß die Türe
nicht eher zugeriegelt ward, als bis der schwarze Gesell angelangt
war.
Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der
Bär eines
Morgens zu Schneeweißchen: »Nun muß ich fort und darf den ganzen
Sommer nicht
wiederkommen.« »Wo gehst du denn hin, lieber Bär?« fragte
Schneeweißchen. »Ich muß
in den Wald und meine Schätze vor den bösen Zwergen hüten: im
Winter, wenn die Erde
hartgefroren ist, müssen sie wohl unten bleiben und können sich
nicht durcharbeiten, aber
jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen
sie durch, steigen
herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren Händen ist und in
ihren Höhlen liegt, das
kommt so leicht nicht wieder an des Tages Licht.« Schneeweißchen war
ganz traurig
über den Abschied, und als es ihm die Türe aufriegelte und der Bär
sich hinausdrängte,
blieb er an dem Türhaken hängen, und ein Stück seiner Haut riß auf,
und da war es
Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen; aber es
war seiner Sache
nicht gewiß. Der Bär lief eilig fort und war bald hinter den Bäumen
verschwunden.
Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig
zu sammeln. Da
fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt auf dem Boden,
und an dem
Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf und ab, sie konnten aber
nicht
unterscheiden, was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen
Zwerg mit einem alten,
verwelkten Gesicht und einem ellenlangen, schneeweißen Bart. Das
Ende des Bartes
war in eine Spalte des Baums eingeklemmt, und der Kleine sprang hin
und her wie ein
Hündchen an einem Seil und wußte nicht, wie er sich helfen sollte.
Er glotzte die
Mädchen mit seinen roten feurigen Augen an und schrie. »Was steht
ihr da! Könnt ihr
nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?« »Was hast du
angefangen, kleines
Männchen?« fragte Rosenrot. »Dumme, neugierige Gans«, antwortete der
Zwerg, »den
Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu
haben; bei den
dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner
braucht, der nicht so
viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den
Keil schon glücklich
hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das
verwünschte Holz
war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so
geschwind
zusammen, daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen
konnte; nun
steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen
glatten Milchgesichter!
Pfui, was seid ihr garstig!« Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber
sie konnten den Bart
nicht herausziehen, er steckte zu fest. »Ich will laufen und Leute
herbeiholen«, sagte
Rosenrot. »Wahnsinnige Schafsköpfe«, schnarrte der Zwerg, »wer wird
gleich Leute
herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht
Besseres ein?« »Sei nur
nicht ungeduldig«, sagte Schneeweißchen, »ich will schon Rat
schaffen», holte sein
Scherchen aus der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald
der Zwerg sich
frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des
Baums steckte und
mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte vor sich hin:
»Ungehobeltes Volk,
schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohn's euch der
Guckuck!«
Damit schwang er seinen Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die
Kinder nur noch
einmal anzusehen.
Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und
Rosenrot ein Gericht Fische angeln.
Als sie nahe bei dem Bach waren, sahen sie, daß etwas wie eine große
Heuschrecke nach
dem Wasser zuhüpfte, als wollte es hineinspringen. Sie liefen heran
und erkannten den
Zwerg. »Wo willst du hin?« sagte Rosenrot, »du willst doch nicht ins
Wasser?« »Solch
ein Narr bin ich nicht«, schrie der Zwerg, »seht ihr nicht, der
verwünschte Fisch will mich
hineinziehen?« Der Kleine hatte dagesessen und geangelt, und
unglücklicherweise hatte
der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verflochten; als gleich
darauf ein großer Fisch
anbiß, fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn
herauszuziehen: der Fisch behielt
die Oberhand und riß den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er sich an
allen Halmen und
Binsen, aber das half nicht viel, er mußte den Bewegungen des
Fisches folgen und war in
beständiger Gefahr, ins Wasser gezogen zu werden. Die Mädchen kamen
zu rechter
Zeit, hielten ihn fest und versuchten, den Bart von der Schnur
loszumachen, aber
vergebens, Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb
nichts übrig, als das
Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei ein
kleiner Teil desselben
verlorenging. Als der Zwerg das sah, schrie er sie an: »Ist das
Manier, ihr Lorche, einem
das Gesicht zu schänden? Nicht genug, daß ihr mir den Bart unten
abgestutzt habt, jetzt
schneidet ihr mir den besten Teil davon ab: ich darf mich vor den
Meinigen gar nicht
sehen lassen. Daß ihr laufen müßtet und die Schuhsohlen verloren
hättet!« Dann holte er
einen Sack Perlen, der im Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu
sagen, schleppte er
ihn fort und verschwand hinter einem Stein.
Es trug sich zu, daß bald hernach die Mutter
die beiden Mädchen nach der Stadt
schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg
führte sie über eine
Heide, auf der hier und da mächtige Felsenstücke zerstreut lagen. Da
sahen sie einen
großen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste,
sich immer tiefer
herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß.
Gleich darauf hörten sie
einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei. Sie liefen herzu und
sahen mit Schrecken,
daß der Adler ihren alten Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und
ihn forttragen wollte.
Die mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten
sich so lange mit
dem Adler herum, bis er seine Beute fahrenließ. Als der Zwerg sich
von dem ersten
Schrecken erholt hatte, schrie er mit einer kreischenden Stimme:
»Konntet ihr nicht
säuberlicher mit mir umgehen? Gerissen habt ihr an meinem dünnen
Röckchen, daß es
überall zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und läppisches
Gesindel, das ihr seid!«
Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte wieder unter
den Felsen in seine
Höhle. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt, setzten
ihren Weg fort
und verrichteten ihr Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg
wieder auf die Heide
kamen, überraschten sie den Zwerg, der auf einem reinlichen
Plätzchen seinen Sack mit
Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, daß so spät noch
jemand
daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die glänzenden Steine,
sie
schimmerten und leuchteten so prächtig in allen Farben, daß die
Kinder stehenblieben
und sie betrachteten. »Was steht ihr da und habt Maulaffen feil!«
schrie der Zwerg, und
sein aschgraues Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mit
seinen Scheltworten
fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein schwarzer
Bär aus dem Walde
herbeitrabte. Erschrocken sprang der Zwerg auf, aber er konnte nicht
mehr zu seinem
Schlupfwinkel gelangen, der Bär war schon in seiner Nähe. Da rief er
in Herzensangst:
»Lieber Herr Bär, verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze
geben, sehet, die
schönen Edelsteine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt
Ihr an mir kleinen,
schmächtigen Kerl? Ihr spürt mich nicht zwischen den Zähnen; da, die
beiden gottlosen
Mädchen packt, das sind für Euch zarte Bissen, fett wie junge
Wachteln, die freßt in
Gottes Namen.« Der Bär kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem
boshaften
Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich
nicht mehr.
Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär
rief ihnen nach: »Schneeweißchen
und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit euch gehen.«
Da erkannten sie
seine Stimme und blieben stehen, und als der Bär bei ihnen war, fiel
plötzlich die
Bärenhaut ab, und er stand da als ein schöner Mann und war ganz in
Gold gekleidet. »Ich
bin eines Königs Sohn«, sprach er, »und war von dem gottlosen Zwerg,
der mir meine
Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein wilder Bär in dem Walde
zu laufen, bis ich
durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er seine wohlverdiente
Strafe empfangen.«
Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder,
und sie
teilten die großen Schätze miteinander, die der Zwerg in seiner
Höhle zusammengetragen
hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre ruhig und glücklich
bei ihren Kindern. Die
zwei Rosenbäumchen aber nahm sie mit, und sie standen vor ihrem
Fenster und trugen
jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot.

Schneewittchen
Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie
Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das
einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so
nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel
in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und
weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich:
Hätt' ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so
schwarz wie das Holz an dem Rahmen ! Bald darauf bekam sie ein
Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so
schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen
(Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die
Königin. Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es
war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte
nicht leiden, daß sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen
werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel wenn sie vor den trat
und sich darin beschaute, sprach sie:
".Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land ?
so antwortete der Spiegel:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land."
Da war sie zufrieden, denn sie wußte, daß der Spiegel die Wahrheit
sagte. Schneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, und
als es sieben Jahre alt war, war es so schön, wie der klare Tag und
schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel
fragte:
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land ?"
so antwortete er:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr."
Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund
an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im
Leibe herum. so haßte sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut
wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, daß sie Tag und
Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach:
"Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will's nicht mehr vor meinen
Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum
Wahrzeichen mitbringen." Der Jäger gehorchte und führte es hinaus,
und als er den Hirschfänger gezogen hatte und Schneewittchens
unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing es an zu weinen und
sprach: "Ach, lieber Jäger, laß mir mein Leben ! Ich will in den
wilden Wald laufen und nimmermehr wieder heimkommen." Und weil es
gar so schön war, hatte der Jäger Mitleiden und sprach: "So lauf
hin, du armes Kind !" Die wilden Tiere werden dich bald gefressen
haben, dachte er, und doch war's ihm, als wäre ein Stein von seinem
Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als gerade
ein junger Frischling dahergesprungen kam, stach er ihn ab, nahm
Lunge und Leber heraus und brachte sie als Wahrzeichen der Königin
mit. Der Koch mußte sie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie
auf und meinte, sie hätte Schneewittchens Lunge und Leber gegessen.
Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelenallein, und
ward ihm so angst, daß es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht
wußte, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief
über die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere
sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, so lange
nur die Füße noch fortkonnten, bis es bald Abend werden wollte. Da
sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, sich zu ruhen. In dem
Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, daß es
nicht zu sagen ist. Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben
kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner
sieben Messerlein und Gäblelein und sieben Becherlein. An der Wand
waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt und schneeweiße
Laken darüber gedeckt. Schneewittchen, weil es so hungrig und
durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs' und Brot und
trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht
einem alles wegnehmen. Hernach, weil es so müde war, legte es sich
in ein Bettchen, aber keins paßte; das eine war zu lang, das andere
zu kurz, bis endlich das siebente recht war; und darin blieb es
liegen, befahl sich Gott und schlief ein.
Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein,
das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und
gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell
im Häuslein ward, sahen sie, daß jemand darin gesessen war, denn es
stand nicht alles so in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten.
Der erste sprach: "Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?' Der
zweite: "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen ?" Der dritte: "Wer
hat von meinem Brötchen genommen ?" Der vierte: "Wer hat von meinem
Gemüschen gegessen ?" Der fünfte: "Wer hat mit meinem Gäbelchen
gestochen ?" Der sechste: "Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten
?" Der siebente: "Wer hat aus meinem Becherlein Getrunken ?" Dann
sah sich der erste um und sah, daß auf seinem Bett eine kleine Delle
war, da sprach er: "Wer hat in mein Bettchen getreten ?" Die anderen
kamen gelaufen und riefen: "In meinem hat auch jemand Gelegen !" Der
siebente aber, als er in sein Bett sah, erblickte Schneewittchen,
das lag darin und schlief. Nun rief er die andern, die kamen
herbeigelaufen und schrien vor Verwunderung, holten ihre sieben
Lichtlein und beleuchteten Schneewittchen. "Ei, du mein Gott! Ei, du
mein Gott!" riefen sie, "was ist das Kind so schön !" Und hatten so
große Freude, daß sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein
fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen
Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum. Als es
Morgen war, erwachte Schneewittchen, und wie es die sieben Zwerge
sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und fragten: "Wie heißt
du ?" "Ich heiße Schneewittchen", antwortete es. "Wie bist du in
unser Haus gekommen ?" sprachen weiter die Zwerge. Da erzählte es
ihnen, daß seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen, der
Jäger hätte ihm aber das Leben geschenkt, und da wär' es gelaufen
den ganzen Tag, bis es endlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die
Zwerge sprachen: "Willst du unsern Haushalt versehen, kochen,
betten, waschen, nähen und stricken, und willst du alles ordentlich
und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir
an nichts fehlen." "Jaa, sagte Schneewittchen, "von Herzen gern !"
und blieb bei ihnen. Es hielt ihnen das Haus in Ordnung. Morgens
gingen sie in die Berge und suchten Erz und Gold, abends kamen sie
wieder, und da mußte ihr Essen bereit sein. Den ganzen Tag über war
das Mädchen allein; da warnten es die guten Zwerglein und sprachen:
"Hüte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen, daß du hier
bist; laß ja niemand herein ! Die Königin aber, nachdem sie
Schneewittchens Lunge und Leber glaubte gegessen zu haben, dachte
nicht anders, als sie wäre wieder die Erste und Allerschönste, trat
vor ihren Spiegel und sprach:
"Spieglein, Spieglein. an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land ?"
Da antwortete der Spiegel:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneewittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausendmal schöner als Ihr."
Da erschrak sie, denn sie wußte, daß der Spiegel keine Unwahrheit
sprach, und merkte, daß der Jäger sie betrogen hatte und
Schneewittchen noch am Leben war. Und da sann und sann sie aufs
neue, wie sie es umbringen wollte; denn so lange sie nicht die
Schönste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und als
sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht
und kleidete sich wie eine alte Krämerin und war ganz unkenntlich.
In dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben
Zwergen, klopfte an die Türe und rief: "Schöne Ware feil ! feil!"
Schneewittchen guckte zum Fenster hinaus und rief: "Guten Tag, liebe
Frau ! Was habt Ihr zu verkaufen ?" "Gute Ware", antwortete sie,
"Schnürriemen von allen Farben", und holte einen hervor, der aus
bunter Seide geflochten war. Die ehrliche Frau kann ich
hereinlassen, dachte Schneewittchen, riegelte die Türe auf und
kaufte sich den hübschen Schnürriemen. "Kind", sprach die Alte, "wie
du aussiehst ! Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren."
Schneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie und ließ sich
mit dem neuen Schnürriemen schnüren. Aber die Alte schnürte
geschwind und schnürte so fest, daß dem Schneewittchen der Atem
verging und es für tot hinfiel. "Nun bist du die Schönste gewesen",
sprach sie und eilte hinaus. Nicht lange darauf, zur Abendzeit,
kamen die sieben Zwerge nach Haus; aber wie erschraken sie, als sie
ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen, und es regte
und bewegte sich nicht, als wäre es tot. Sie hoben es in die Höhe,
und weil sie sahen, daß es zu fest geschnürt war, schnitten sie den
Schnürriemen entzwei; da fing es an ein wenig zu atmen und ward nach
und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten, was geschehen war,
sprachen sie: "Die alte Krämerfrau war niemand als die gottlose
Königin. Hüte dich und laß keinen Menschen herein, wenn wir nicht
bei dir sind !" Das böse Weib aber, als es nach Haus gekommen war,
ging vor den Spiegel und fragte:
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land ?"
Da antwortete er wie sonst:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneewittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausendmal schöner als Ihr."
Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie,
'denn sie sah wohl, daß Schneewittchen wieder lebendig geworden war.
"Nun aber", sprach sie", will ich etwas aussinnen, das dich-
zugrunde richten soll", und mit Hexenkünsten, die sie verstand,
machte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm
die Gestalt eines anderen alten Weibes an. So ging sie hin über die
sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe und rief:
"Gute Ware feil ! feil !" Schneewittchen schaute heraus und sprach:
"Geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen !" "Das Ansehen wird
dir doch erlaubt sein", sprach die Alte, zog den giftigen Kamm
heraus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, daß
es sich betören ließ und die Türe öffnete. Als sie des Kaufs einig
waren, sprach die Alte: "Nun will ich dich einmal ordentlich
kämmen." Das arme Schneewittchen dachte an nichts, ließ die Alte
gewähren, aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als
das Gift darin wirkte und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel. "Du
Ausbund von Schönheit", sprach das boshafte Weib, "jetzt ist's um
dich geschehen", und ging fort. Zum Glück aber war es bald Abend, wo
die sieben Zwerglein nach Haus kamen. Als sie Schneewittchen wie tot
auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Stiefmutter in
Verdacht, suchten nach und fanden den giftigen Kamm. Und kaum hatten
sie ihn herausgezogen, so kam Schneewittchen wieder zu sich und
erzählte, was vorgegangen war. Da warnten sie es noch einmal, auf
seiner Hut zu sein und niemand die Türe zu öffnen. Die Königin
stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach:
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land ?"
Da antwortete er wie vorher:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneewittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausendmal schöner als Ihr."
Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn.
,Schneewittchen soll sterben", rief sie, "und wenn es mein eigenes
Leben kostet !" Darauf ging sie in eine ganz verborgene, einsame
Kammer, wo niemand hinkam, und machte da einen giftigen, giftigen
Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, daß jeder,
der ihn erblickte, Lust danach bekam, aber wer ein Stückchen davon
aß, der mußte sterben. Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das
Gesicht und verkleidete sich in eine Bauersfrau, und so ging sie
über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an.
Schneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus und sprach: "
Ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben mir's
verboten !" "Mir auch recht", antwortete die Bäuerin, "meine Äpfel
will ich schon loswerden. Da, e i n e n will ich dir schenken."
"Nein", sprach Schneewittchen, "ich darf nichts annehmen !"
"Fürchtest du dich vor Gift ?" sprach die Alte, "siehst du, da
schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen iß, den
weißen will ich essen " Der Apfel war aber so künstlich gemacht, daß
der rote Backen allein vergiftet war. Schneewittchen lusterte den
schönen Apfel an, und als es sah, daß die Bäuerin davon aß, so
konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und
nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im
Mund, so fiel es tot zur Erde nieder. Da betrachtete es die Königin
mit grausigen Blicken und lachte überlaut und sprach: "Weiß wie
Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz ! Diesmal können dich die
Zwerge nicht wieder erwecken." Und als sie daheim den Spiegel
befragte:
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land ?"
so antwortete er endlich:
"Frau Königin, Ihr seid de Schönste im Land."
Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe
haben kann.
Die Zwerglein, wie sie abends nach Haus kamen, fanden Schneewittchen
auf der Erde liegen, und es ging kein Atem mehr aus seinem Mund, und
es war tot. Sie hoben es auf suchten, ob sie was Giftiges fänden,
schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und
Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb
tot. Sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle siebene
daran und beweinten es und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es
begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch und
hatte noch seine schönen, roten Backen. Sie sprachen: "Das können
wir nicht in die schwarze Erde versenken", und ließen einen
durchsichtigen Sarg von Glas machen, daß man es von allen Seiten
sehen konnte, legten es hinein und schrieben mit goldenen Buchstaben
seinen Namen darauf und daß es eine Königstochter wäre. Dann setzten
sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer
dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten
Schneewittchen, erst eine Eule dann ein Rabe. zuletzt ein Täubchen.
Nun lag Schneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste
nicht, sondern sah aus, als wenn es schliefe, denn es war noch so
weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz.
Es geschah aber, daß ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem
Zwergenhaus kam, da zu übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und
das schöne Schneewittchen darin und las, was mit goldenen Buchstaben
darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen: "Laßt mir den
Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt " Aber die
Zwerge antworteten: "Wir geben ihn nicht für alles Gold in der
Welt." Da sprach er: "So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben,
ohne Schneewittchen zu sehen, ich will es ehren und hochachten wie
mein Liebstes." Wie er so sprach, empfanden die guten Zwerglein
Mitleid mit ihm und gaben ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn nun
von seinen Dienern auf den Schultern forttragen. Da geschah es, daß
sie über einen Strauch stolperten, und von dem Schüttern fuhr der
giftige Apfelgrütz, den Schneewittchen abgebissen hatte, aus dem
Hals. Und nicht lange, so öffnete es die Augen, hob den Deckel vom
Sarg in die Höhe und richtete sich auf und war wieder lebendig. "Ach
Gott, wo bin ich ?" rief es. Der Königssohn sagte voll Freude: "Du
bist bei mir", und erzählte, was sich zugetragen hatte, und sprach:
"Ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meines
Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin werden." Da war ihm
Schneewittchen gut und ging mit ihm, und ihre Hochzeit ward mit
großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet. Zu dem Feste wurde aber
auch Schneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Wie sie sich
nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat sie vor den Spiegel und
sprach:
"Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land ?"
Der Spiegel antwortete:
"Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
Aber die junge Königin ist noch tausendmal schöner als ihr."
Da stieß das böse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so
angst, daß sie sich nicht zu lassen wußte. Sie wollte zuerst gar
nicht auf die Hochzeit kommen, doch ließ es ihr keine Ruhe, sie
mußte fort und die junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat,
erkannte sie Schneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie
da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne
Pantoffel über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen
hereingetragen und vor sie hingestellt. Da mußte sie in die
rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde
fiel.

Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus
dem Sack
Vor Zeiten war ein Schneider, der drei Söhne hatte und nur eine
einzige Ziege. Aber die Ziege, weil sie alle zusammen mit ihrer
Milch ernährte, mußte ihr gutes Futter haben und täglich hinaus auf
die Weide geführt werden. Die Söhne taten das auch nach der Reihe.
Einmal brachte sie der äIteste auf den Kirchhof, wo die schönsten
Kräuter standen, ließ sie da fressen und herumspringen. Abends, als
es Zeit war heimzugehen, fragte er 'Ziege, bist du satt?' Die Ziege
antwortete
'ich bin so satt,
ich mag kein Blatt: meh! meh!'
'So komm nach Haus,' sprach der Junge, faßte sie am Strickchen,
führte sie in den Stall und band sie fest. 'Nun,' sagte der alte
Schneider, 'hat die Ziege ihr gehöriges Futter?' 'O,' antwortete der
Sohn, 'die ist so satt, sie mag kein Blatt.' Der Vater aber wollte
sich selbst überzeugen, ging hinab in den Stall, streichelte das
liebe Tier und fragte 'Ziege, bist du auch satt?' Die Ziege
antwortete
'wovon sollt ich satt sein?
ich sprang nur über Gräbelein,
und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!,
'Was muß ich hören!, rief der Schneider, lief hinauf und sprach zu
dem Jungen 'ei, du Lügner, sagst, die Ziege wäre satt, und hast sie
hungern lassen?' und in seinem Zorne nahm er die Elle von der Wand
und jagte ihn mit Schlägen hinaus.
Am andern Tag war die Reihe am zweiten Sohn, der suchte an der
Gartenhecke einen Platz aus, wo lauter gute Kräuter standen, und die
Ziege fraß sie rein ab. Abends, als er heim wollte, fragte er
'Ziege, bist du satt?' Die Ziege antwortete
'ich bin so satt'
ich mag kein Blatt: meh! meh!'
'So komm nach Haus,' sprach der Junge, zog sie heim und band sie im
Stall fest. 'Nun,' sagte der alte Schneider, 'hat die Ziege ihr
gehöriges Futter?' 'O,' antwortete der Sohn, 'die ist so satt, sie
mag kein Blatt.' Der Schneider wollte sich darauf nicht verlassen,
ging hinab in den Stall und fragte 'Ziege, bist du auch satt?' Die
Ziege antwortete
'wovon sollt ich satt sein?
ich sprang nur über Gräbelein,
und fand kein einzig Blättelein: meh!'
'Der gottlose Bösewicht!' schrie der Schneider, 'so ein frommes Tier
hungern zu lassen!' lief hinauf und schlug mit der Elle den Jungen
zur Haustüre hinaus.
Die Reihe kam jetzt an den dritten Sohn, der wollte seine Sache gut
machen, suchte Buschwerk mit dem schönsten Laube aus, und ließ die
Ziege daran fressen. Abends, als er heim wollte, fragte er 'Ziege,
bist du auch satt?' Die Ziege antwortete
'ich bin so satt ich
mag kein Blatt: meh! meh!'
'So komm nach Haus,' sagte der Junge, führte sie in den Stall und
band sie fest. 'Nun,' sagte der alte Schneider, 'hat die Ziege ihr
gehöriges Futter?' 'O,' antwortete der Sohn, 'die ist so satt, sie
mag kein Blatt.' Der Schneider traute nicht, ging hinab und fragte
'Ziege, bist du auch satt?' Das boshafte Tier antwortete
'wovon sollt ich satt sein?
ich sprang nur über Gräbelein,
und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!'
'O die Lügenbrut!, rief der Schneider, 'einer so gottlos und
pflichtvergessen wie der andere! ihr sollt mich nicht länger zum
Narren haben!' und vor Zorn ganz außer sich sprang er hinauf und
gerbte dem armen Jungen mit der Elle den Rücken so gewaltig, daß er
zum Haus hinaussprang.
Der alte Schneider war nun mit seiner Ziege allein. Am andern Morgen
ging er hinab in den Stall, liebkoste die Ziege und sprach 'komm,
mein liebes Tierlein, ich will dich selbst zur Weide führen.' Er
nahm sie am Strick und brachte sie zu grünen Hecken und unter
Schafrippe, und was sonst die Ziegen gerne fressen. 'Da kannst du
dich einmal nach Herzenslust sättigen,' sprach er zu ihr, und ließ
sie weiden bis zum Abend. Da fragte er 'Ziege, bist du satt?' Sie
antwortete
'ich bin so satt,
ich mag kein Blatt: meh! meh!'
'So komm nach Haus,' sagte der Schneider, führte sie in den Stall
und band sie fest. Als er wegging, kehrte er sich noch einmal um und
sagte 'nun bist du doch einmal satt!' Aber die Ziege machte es ihm
nicht besser und rief
'wie sollt ich satt sein?
ich sprang nur über Gräbelein
und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!'
Als der Schneider das hörte' stutzte er und sah wohl, daß er seine
drei Söhne ohne Ursache verstoßen hatte. 'Wart,' rief er, 'du
undankbares Geschöpf, dich fortzujagen ist noch zu wenig, ich will
dich zeichnen, daß du dich unter ehrbaren Schneidern nicht mehr
darfst sehen lassen.' In einer Hast sprang er hinauf, holte sein
Bartmesser, seifte der Ziege den Kopf ein, und schor sie so glatt
wie seine flache Hand. Und weil die Elle zu ehrenvoll gewesen wäre,
holte er die Peitsche und versetzte ihr solche Hiebe, daß sie in
gewaltigen Sprüngen davonlief.
Der Schneider, als er so ganz einsam in seinem Hause saß, verfiel in
große Traurigkeit und hätte seine Söhne gerne wiedergehabt, aber
niemand wußte, wo sie hingeraten waren. Der älteste war zu einem
Schreiner in die Lehre gegangen, da lernte er fleißig und
unverdrossen, und als seine Zeit herum war, daß er wandern sollte,
schenkte ihm der Meister ein Tischchen, das gar kein besonderes
Ansehen hatte und von gewöhnlichem Holz war: aber es hatte eine gute
Eigenschaft. Wenn man es hinstellte und sprach 'Tischchen, deck
dich,' so war das gute Tischchen auf einmal mit einem saubern
Tüchlein bedeckt, und stand da ein Teller, und Messer und Gabel
daneben, und Schüsseln mit Gesottenem und Gebratenem, so viel Platz
hatten, und ein großes Glas mit rotem Wein leuchtete, daß einem das
Herz lachte. Der junge Gesell dachte 'damit hast du genug für dein
Lebtag,' zog guter Dinge in der Welt umher und bekümmerte sich gar
nicht darum, ob ein Wirtshaus gut oder schlecht und ob etwas darin
zu finden war oder nicht. Wenn es ihm gefiel, so kehrte er gar nicht
ein, sondern im Felde, im Wald, auf einer Wiese, wo er Lust hatte,
nahm er sein Tischchen vom Rücken, stellte es vor sich und sprach
'deck dich,' so war alles da, was sein Herz begehrte. Endlich kam es
ihm in den Sinn, er wollte zu seinem Vater zurückkehren, sein Zorn
würde sich gelegt haben, und mit dem Tischchen deck dich würde er
ihn gerne wieder aufnehmen. Es trug sich zu, daß er auf dem Heimweg
abends in ein Wirtshaus kam, das mit Gästen angefüllt war: sie
hießen ihn willkommen und luden ihn ein, sich zu ihnen zu setzen und
mit ihnen zu essen, sonst würde er schwerlich noch etwas bekommen.
'Nein,' antwortete der Schreiner, 'die paar Bissen will ich euch
nicht vor dem Munde nehmen, lieber sollt ihr meine Gäste sein.' Sie
lachten und meinten, er triebe seinen Spaß mit ihnen. Er aber
stellte sein hölzernes Tischchen mitten in die Stube und sprach
'Tischchen, deck dich.' Augenblicklich war es mit Speisen besetzt,
so gut, wie sie der Wirt nicht hätte herbeischaffen können, und
wovon der Geruch den Gästen lieblich in die Nase stieg.
'Zugegriffen, liebe Freunde,' sprach der Schreiner, und die Gäste,
als sie sahen, wie es gemeint war, ließen sich nicht zweimal bitten,
rückten heran, zogen ihre Messer und griffen tapfer zu. Und was sie
am meisten verwunderte, wenn eine Schüssel leer geworden war, so
stellte sich gleich von selbst eine volle an ihren Platz. Der Wirt
stand in einer Ecke und sah dem Dinge zu; er wußte gar nicht, was er
sagen sollte, dachte aber 'einen solchen Koch könntest du in deiner
Wirtschaft wohl brauchen.' Der Schreiner und seine Gesellschaft
waren lustig bis in die späte Nacht, endlich legten sie sich
schlafen, und der junge Geselle ging auch zu Bett und stellte sein
Wünschtischchen an die Wand. Dem Wirte aber ließen seine Gedanken
keine Ruhe, es fiel ihm ein, daß in seiner Rumpelkammer ein altes
Tischchen stände, das gerade so aussähe: das holte er ganz sachte
herbei und vertauschte es mit dem Wünschtischchen. Am andern Morgen
zahlte der Schreiner sein Schlafgeld, packte sein Tischchen auf,
dachte gar nicht daran, daß er ein falsches hätte, und ging seiner
Wege. Zu Mittag kam er bei seinem Vater an, der ihn mit großer
Freude empfing. 'Nun, mein lieber Sohn, was hast du gelernt?' sagte
er zu ihm. 'Vater, ich bin ein Schreiner geworden.' 'Ein gutes
Handwerk,' erwiderte der Alte, 'aber was hast du von deiner
Wanderschaft mitgebracht?' 'Vater, das Beste, was ich mitgebracht
habe, ist das Tischchen.' Der Schneider betrachtete es von allen
Seiten und sagte 'daran hast du kein Meisterstück gemacht, das ist
ein altes und schlechtes Tischchen.' 'Aber es ist ein Tischchen deck
dich,' antwortete der Sohn, 'wenn ich es hinstelle, und sage ihm, es
solle sich decken, so stehen gleich die schönsten Gerichte darauf
und ein Wein dabei , der das Herz erfreut. Ladet nur alle Verwandte
und Freunde ein, die sollen sich einmal laben und erquicken, denn
das Tischchen macht sie alle satt.' Als die Gesellschaft beisammen
war, stellte er sein Tischchen mitten in die Stube und sprach
'Tischchen, deck dich.' Aber das Tischchen regte sich nicht und
blieb so leer wie ein anderer Tisch, der die Sprache nicht versteht.
Da merkte der arme Geselle, daß ihm das Tischchen vertauscht war,
und schämte sich, daß er wie ein Lügner dastand. Die Verwandten aber
lachten ihn aus und mußten ungetrunken und ungegessen wieder heim
wandern. Der Vater holte seine Lappen wieder herbei und schneiderte
fort, der Sohn aber ging bei einem Meister in die Arbeit.
Der zweite Sohn war zu einem Müller gekommen und bei ihm in die
Lehre gegangen. Als er seine Jahre herum hatte, sprach der Meister
'weil du dich so wohl gehalten hast, so schenke ich dir einen Esel
von einer besondern Art, er zieht nicht am Wagen und trägt auch
keine Säcke.' 'Wozu ist er denn nütze?' fragte der junge Geselle.
'Er speit Gold,' antwortete der Müller, 'wenn du ihn auf ein Tuch
stellst und sprichst 'Bricklebrit,' so speit dir das gute Tier
Goldstücke aus, hinten und vorn.' 'Das ist eine schöne Sache,'
sprach der Geselle, dankte dem Meister und zog in die Welt. Wenn er
Gold nötig hatte, brauchte er nur zu seinem Esel 'Bricklebrit, zu
sagen, so regnete es Goldstücke, und er hatte weiter keine Mühe, als
sie von der Erde aufzuheben. Wo er hinkam, war ihm das Beste gut
genug, und je teurer je lieber, denn er hatte immer einen vollen
Beutel. Als er sich eine Zeitlang in der Welt umgesehen hatte,
dachte er 'du mußt deinen Vater aufsuchen, wenn du mit dem Goldesel
kommst, so wird er seinen Zorn vergessen und dich gut aufnehmen.' Es
trug sich zu, daß er in dasselbe Wirtshaus geriet, in welchem seinem
Bruder das Tischchen vertauscht war. Er führte seinen Esel an der
Hand, und der Wirt wollte ihm das Tier abnehmen und anbinden, der
junge Geselle aber sprach 'gebt Euch keine Mühe, meinen Grauschimmel
führe ich selbst in den Stall und binde ihn auch selbst an, denn ich
muß wissen, wo er steht.' Dem Wirt kam es wunderlich vor und er
meinte, einer, der seinen Esel selbst besorgen müßte, hätte nicht
viel zu verzehren: als aber der Fremde in die Tasche griff, zwei
Goldstücke herausholte und sagte, er sollte nur etwas Gutes für ihn
einkaufen, so machte er große Augen, lief und suchte das Beste, das
er auftreiben konnte. Nach der Mahlzeit fragte der Gast, was er
schuldig wäre, der Wirt wollte die doppelte Kreide nicht sparen und
sagte, noch ein paar Goldstücke müßte er zulegen. Der Ge selle griff
in die Tasche, aber sein Gold war eben zu Ende. 'Wartet einen
Augenblick, Herr Wirt,' sprach er, 'ich will nur gehen und Gold
holen;' nahm aber das Tischtuch mit. Der Wirt wußte nicht, was das
heißen sollte, war neugierig, schlich ihm nach, und da der Gast die
Stalltüre zuriegelte, so guckte er durch ein Astloch. Der Fremde
breitete unter dem Esel das Tuch aus, rief 'Bricklebrit,' und
augenblicklich fing das Tier an, Gold zu speien von hinten und vorn,
daß es ordentlich auf die Erde herabregnete. 'Ei der tausend,' sagte
der Wirt, 'da sind die Dukaten bald geprägt! so ein Geldbeutel ist
nicht übel!' Der Gast bezahlte seine Zeche und legte sich schlafen,
der Wirt aber schlich in der Nacht herab in den Stall, führte den
Münzmeister weg und band einen andern Esel an seine Stelle. Den
folgenden Morgen in der Frühe zog der Geselle mit seinem Esel ab und
meinte, er hätte seinen Goldesel. Mittags kam er bei seinem Vater
an, der sich freute, als er ihn wiedersah, und ihn gerne aufnahm.
'Was ist aus dir geworden, mein Sohn?' fragte der Alte. 'Ein Müller,
lieber Vater,' antwortete er. 'Was hast du von deiner Wanderschaft
mitgebracht?' 'Weiter nichts als einen Esel.' 'Esel gibts hier
genug,' sagte der Vater, 'da wäre mir doch eine gute Ziege lieber
gewesen.' 'Ja,' antwortete der Sohn, 'aber es ist kein gemeiner
Esel, sondern ein Goldesel: wenn ich sage 'Bricklebrit,' so speit
Euch das gute Tier ein ganzes Tuch voll Goldstücke. Laßt nur alle
Verwandte herbeirufen, ich mache sie alle zu reichen Leuten.' 'Das
laß ich mir gefallen,' sagte der Schneider, 'dann brauch ich mich
mit der Nadel nicht weiter zu quälen,' sprang selbst fort und rief
die Verwandten herbei. Sobald sie beisammen waren, hieß sie der
Müller Platz machen, breitete sein Tuch aus, und brachte den Esel in
die Stube. 'Jetzt gebt acht,' sagte er und rief 'Bricklebrit,' aber
es waren keine Goldstücke, was herabfiel, und es zeigte sich, daß
das Tier nichts von der Kunst verstand, denn es bringts nicht jeder
Esel so weit. Da machte der arme Müller ein langes Gesicht, sah, daß
er betrogen war, und bat die Verwandten um Verzeihung, die so arm
heimgingen, als sie gekommen waren. Es blieb nichts übrig, der Alte
mußte wieder nach der Nadel greifen, und der Junge sich bei einem
Müller verdingen.
Der dritte Bruder war zu einem Drechsler in die Lehre gegangen, und
weil es ein kunstreiches Handwerk ist, mußte er am längsten lernen.
Seine Brüder aber meldeten ihm in einem Briefe, wie schlimm es ihnen
ergangen wäre, und wie sie der Wirt noch am letzten Abende um ihre
schönen Wünschdinge gebracht hätte. Als der Drechsler nun ausgelernt
hatte und wandern sollte, so schenkte ihm sein Meister, weil er sich
so wohl gehalten, einen Sack und sagte 'es liegt ein Knüppel darin.'
'Den Sack kann ich umhängen, und er kann mir gute Dienste leisten,
aber was soll der Knüppel darin? der macht ihn nur schwer.' 'Das
will ich dir sagen,' antwortete der Meister, 'hat dir jemand etwas
zuleid getan, so sprich nur 'Knüppel, aus dem Sack,' so springt dir
der Knüppel heraus unter die Leute und tanzt ihnen so lustig auf dem
Rücken herum, daß sie sich acht Tage lang nicht regen und bewegen
können; und eher läßt er nicht ab, als bis du sagst 'Knüppel, in den
Sack.' Der Gesell dankte ihm, hing den Sack um, und wenn ihm jemand
zu nahe kam und auf den Leib wollte, so sprach er 'Knüppel, aus dem
Sack,' alsbald sprang der Knüppel heraus und klopfte einem nach dem
andern den Rock oder Wams gleich auf dem Rücken aus, und wartete
nicht erst, bis er ihn ausgezogen hatte; und das ging so geschwind,
daß, eh sichs einer versah, die Reihe schon an ihm war. Der junge
Drechsler langte zur Abendzeit in dem Wirtshaus an, wo seine Brüder
waren betrogen worden. Er legte seinen Ranzen vor sich auf den Tisch
und fing an zu erzählen, was er alles Merkwürdiges in der Welt
gesehen habe. 'Ja,' sagte er, 'man findet wohl ein Tischchen deck
dich, einen Goldesel und dergleichen: lauter gute Dinge, die ich
nicht verachte, aber das ist alles nichts gegen den Schatz, den ich
mir erworben habe und mit mir da in meinem Sack führe.' Der Wirt
spitzte die Ohren: 'was in aller Welt mag das sein?' dachte er, 'der
Sack ist wohl mit lauter Ed elsteinen angefüllt; den sollte ich
billig auch noch haben, denn aller guten Dinge sind drei.' Als
Schlafenszeit war, streckte sich der Gast auf die Bank und legte
seinen Sack als Kopfkissen unter. Der Wirt, als er meinte, der Gast
läge in tiefem Schlaf, ging herbei, rückte und zog ganz sachte und
vorsichtig an dem Sack, ob er ihn vielleicht wegziehen und einen
andern unterlegen könnte. Der Drechsler aber hatte schon lange
darauf gewartet, wie nun der Wirt eben einen herzhaften Ruck tun
wollte, rief er 'Knüppel, aus dem Sack.' Alsbald fuhr das
Knüppelchen heraus, dem Wirt auf den Leib, und rieb ihm die Nähte,
daß es eine Art hatte. Der Wirt schrie zum Erbarmen, aber je lauter
er schrie. desto kräftiger schlug der Knüppel ihm den Takt dazu auf
dem Rücken, bis er endlich erschöpft zur Erde fiel. Da sprach der
Drechsler 'wo du das Tischchen deck dich und den Goldesel nicht
wieder herausgibst, so soll der Tanz von neuem angehen.' 'Ach nein,'
rief der Wirt ganz kleinlaut, 'ich gebe alles gerne wieder heraus,
laßt nur den verwünschten Kobold wieder in den Sack kriechen.' Da
sprach der Geselle 'ich will Gnade für Recht ergehen lassen, aber
hüte dich vor Schaden!' dann rief er 'Knüppel, in den Sack!' und
ließ ihn ruhen.
Der Drechsler zog am andern Morgen mit dem Tischchen deck dich und
dem Goldesel heim zu seinem Vater. Der Schneider freute sich, als er
ihn wiedersah, und fragte auch ihn, was er in der Fremde gelernt
hätte. 'Lieber Vater,' antwortete er, 'ich bin ein Drechsler
geworden.' 'Ein kunstreiches Handwerk,' sagte der Vater, 'was hast
du von der Wanderschaft mitgebracht?' 'Ein kostbares Stück, lieber
Vater,' antwortete der Sohn, 'einen Knüppel in dem Sack.' 'Was!,
rief der Vater, 'einen Knüppel! das ist der Mühe wert! den kannst du
dir von jedem Baume abhauen.' 'Aber einen solchen nicht, lieber
Vater: sage ich 'Knüppel, aus dem Sack,' so springt der Knüppel
heraus und macht mit dem, der es nicht gut mit mir meint, einen
schlimmen Tanz, und läßt nicht eher nach, als bis er auf der Erde
liegt und um gut Wetter bittet. Seht Ihr, mit diesem Knüppel habe
ich das Tischchen deck dich und den Goldesel wieder herbeigeschafft,
die der diebische Wirt meinen Brüdern abgenommen hatte. Jetzt laßt
sie beide rufen und ladet alle Verwandten ein, ich will sie speisen
und tränken und will ihnen die Taschen noch mit Gold füllen.' Der
alte Schneider wollte nicht recht trauen, brachte aber doch die
Verwandten zusammen. Da deckte der Drechsler ein Tuch in die Stube,
führte den Goldesel herein und sagte zu seinem Bruder 'nun, lieber
Bruder, sprich mit ihm.' Der Müller sagte 'Bricklebrit,' und
augenblicklich sprangen die Goldstücke auf das Tuch herab, als käme
ein Platzregen, und der Esel hörte nicht eher auf, als bis alle so
viel hatten, daß sie nicht mehr tragen konnten. (Ich sehe dirs an,
du wärst auch gerne dabei gewesen.) Dann holte der Drechsler das
Tischchen und sagte 'lieber Bruder, nun sprich mit ihm.' Und kaum
hatte der Schreiner 'Tischchen, deck dich, gesagt, so war es gedeckt
und mit den schönsten Schüsseln reichlich besetzt. Da ward eine
Mahlzeit gehalten, wie der gute Schneider noch keine in seinem Hause
erlebt hat te, und die ganze Verwandtschaft blieb beisammen bis in
die Nacht, und waren alle lustig und vergnügt. Der Schneider
verschloß Nadel und Zwirn, Elle und Bügeleisen in einen Schrank, und
lebte mit seinen drei Söhnen in Freude und Herrlichkeit.
Wo ist aber die Ziege hingekommen, die schuld war, daß der Schneider
seine drei Söhne fortjagte? Das will ich dir sagen. Sie schämte
sich, daß sie einen kahlen Kopf hatte, lief in eine Fuchshöhle und
verkroch sich hinein. Als der Fuchs nach Haus kam, funkelten ihm ein
paar große Augen aus der Dunkelheit entgegen, daß er erschrak und
wieder zurücklief. Der Bär begegnete ihm, und da der Fuchs ganz
verstört aussah, so sprach er 'was ist dir, Bruder Fuchs, was machst
du für ein Gesicht?' 'Ach,' antwortete der Rote, 'ein grimmig Tier
sitzt in meiner Höhle und hat mich mit feurigen Augen angeglotzt.'
'Das wollen wir bald austreiben,' sprach der Bär, ging mit zu der
Höhle und schaute hinein; als er aber die feurigen Augen erblickte,
wandelte ihn ebenfalls Furcht an: er wollte mit dem grimmigen Tiere
nichts zu tun haben und nahm Reißaus. Die Biene begegnete ihm, und
da sie merkte, daß es ihm in seiner Haut nicht wohl zumute war,
sprach sie 'Bär, du machst ja ein gewaltig verdrießlich Gesicht, wo
ist deine Lustigkeit geblieben?' 'Du hast gut reden,' antwortete der
Bär, 'es sitzt ein grimmiges Tier mit Glotzaugen in dem Hause des
Roten, und wir können es nicht herausjagen.' Die Biene sprach 'du
dauerst mich, Bär, ich bin ein armes schwaches Geschöpf, das ihr im
Wege nicht anguckt, aber ich glaube doch, daß ich euch helfen kann.'
Sie flog in die Fuchshöhle, setzte sich der Ziege auf den glatten
geschorenen Kopf und stach sie so gewaltig, daß sie aufsprang, 'meh!
meh!' schrie, und wie toll in die Welt hineinlief; und weiß niemand
auf diese Stunde, wo sie hingelaufen ist.

Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu
lernen
Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug und gescheit
und wußte sich in alles wohl zu schicken, der jüngste aber war dumm,
konnte nichts begreifen und lernen. Und wenn ihn die Leute sahen,
sprachen sie: "Mit dem wird der Vater noch seine Last haben!" Wenn
nun etwas zu tun war, so mußte es der älteste allzeit ausrichten;
hieß ihn aber der Vater noch spät oder gar in der Nacht etwas holen,
und der Weg ging dabei über den Kirchhof oder sonst einen schaurigen
Ort, so antwortete er wohl: "Ach nein, Vater, ich gehe nicht dahin,
es gruselt mir!" denn er fürchtete sich. Oder wenn abends beim Feuer
Geschichten erzählt wurden, wobei einem die Haut schaudert, so
sprachen die Zuhörer manchmal: "Ach, es gruselt mir!" Der jüngste
saß in einer Ecke und hörte das mit an und konnte nicht begreifen,
was es heißen sollte. "Immer sagen sie, es gruselt mir! Mir
gruselt's nicht, das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch
nichts verstehe."
Nun geschah es, daß der Vater einmal zu ihm sprach: "Hör du, in der
Ecke dort, du wirst groß und stark, du mußt auch etwas lernen, womit
du dein Brot verdienst. Siehst du, wie dein Bruder sich Mühe gibt,
aber an dir ist Hopfen und Malz verloren."—"Ei, Vater", antwortete
er, "ich will gerne was lernen; ja, wenn's anginge, so möchte ich
lernen, daß mir's gruselte." Der älteste lachte, als er das hörte,
und dachte bei sich: ,Du lieber Gott, was ist mein Bruder ein
Dummbart, aus dem wird sein Lebtag nichts, was ein Häkchen werden
will, muß sich beizeiten krümmen.' Der Vater seufzte und antwortete
ihm: "Das Gruseln, das sollst du schon lernen, aber dein Brot wirst
du damit nicht verdienen.
Bald danach kam der Küster zu Besuch ins Haus, da klagte ihm der
Vater seine Not und erzählte, wie sein jüngster Sohn in allen Dingen
so schlecht beschlagen wäre, er wüßte nichts und lernte nichts.
"Denkt Euch, als ich ihn fragte, womit er sein Brot verdienen
wollte, hat er gar verlangt, das Gruseln zu lernen."—"Wenn's weiter
nichts ist", antwortete der Küster, "das kann er bei mir lernen; tut
ihn nur zu mir, ich will ihn schon abhobeln." Der Vater war es
zufrieden, weil er dachte: ,Der Junge wird doch ein wenig
zugestutzt.' Der Küster nahm ihn also ins Haus, und er mußte die
Glocke läuten. Nach ein paar Tagen weckte er ihn um Mitternacht,
hieß ihn aufstehen, in den Kirchturm steigen und läuten. ,Du sollst
schon lernen, was Gruseln ist', dachte er, ging heimlich voraus, und
als der Junge oben war und sich umdrehte und das Glockenseil fassen
wollte, so sah er auf der Treppe, dem Schalloch gegenüber eine weiße
Gestalt stehen. "Wer da?" rief er, aber die Gestalt gab keine
Antwort, regte und bewegte sich nicht. "Gib Antwort", rief der
Junge, "oder mache, daß du fortkommst, du hast hier in der Nacht
nichts zu schaffen." Der Küster aber blieb unbeweglich stehen, damit
der Junge glauben sollte, es wäre ein Gespenst. Der Junge rief zum
zweitenmal: "Was willst du hier? Sprich, wenn du ein ehrlicher Kerl
bist, oder ich werfe dich die Treppe hinab!" Der Küster dachte: ,Das
wird so schlimm nicht gemeint sein', gab keinen Laut von sich und
stand, als wenn er von Stein wäre. Da rief ihn der Junge zum dritten
Male an, und als das auch vergeblich war, nahm er einen Anlauf und
stieß das Gespenst die Treppe hinab, daß es in einer Ecke
liegenblieb. Darauf läutete er die Glocke, ging heim, legte sich ins
Bett und schlief fort. Die Küsterfrau wartete lange Zeit auf ihren
Mann, aber er wollte nicht wiederkommen. Da ward ihr endlich angst,
sie weckte den Jungen und fragte: "Weißt du nicht, wo mein Mann
gebli eben ist? Er ist vor dir auf den Turm gestiegen."—"Nein",
antwortete der Junge, "aber da hat einer dem Schalloch gegenüber auf
der Treppe gestanden, und weil er keine Antwort geben und auch nicht
weggehen wollte, so habe ich ihn für einen Spitzbuben gehalten und
hinuntergestoßen. Geht nur hin, so werdet Ihr sehen, ob er's gewesen
ist, es sollte mir leid tun." Die Frau sprang fort und fand ihren
Mann, der in einer Ecke lag und ein Bein gebrochen hatte.
Sie trug ihn herab und eilte dann mit lautem Geschrei zu dem Vater
des Jungen. "Euer Junge", rief sie, "hat ein großes Unglück
angerichtet, meinen Mann hat er die Treppe hinabgeworfen, daß er ein
Bein gebrochen hat, schafft den Taugenichts aus unserm Hause." Der
Vater erschrak, kam herbeigelaufen und schalt den Jungen aus. "Was
sind das für gottlose Streiche, die muß dir der Böse eingegeben
haben."—"Vater", antwortete er, "hört nur an, ich bin ganz
unschuldig; er stand da in der Nacht wie einer, der Böses im Sinne
hat. Ich wußte nicht, wer's war, und habe ihn dreimal ermahnt zu
reden oder wegzugehen."—"Ach", sprach der Vater, "mit dir erleb' ich
nur Unglück, geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr
ansehen."—"Ja, Vater, recht gerne, wartet nur, bis Tag ist, da will
ich ausgehen und das Gruseln lernen, so versteh' ich doch eine
Kunst, die mich ernähren kann."— "Lerne, was du willst", sprach der
Vater, "mir ist alles einerlei. Da hast du fünfzig Taler, damit geh
in die weite Welt und sage keinem Menschen, wo du her bist und wer
dein Vater ist; denn ich muß mich deiner schämen." —"Ja, Vater, wie
Ihr's haben wollt, wenn Ihr nicht mehr verlangt, das kann ich leicht
in acht behalten."
Als nun der Tag anbrach, steckte der Junge seine fünfzig Taler in
die Tasche, ging hinaus auf die große Landstraße und sprach immer
vor sich hin: "Wenn mir's nur gruselte! Wenn mir's nur gruselte!" Da
kam ein Mann heran, der hörte, was der Junge sprach, und als sie ein
Stück weiter waren, daß man den Galgen sehen konnte, sagte der Mann
zu ihm: "Siehst du, dort ist der Baum, wo siebene mit des Seilers
Tochter Hochzeit gehalten haben und jetzt das Fliegen lernen. Setz
dich darunter und warte, bis die Nacht kommt, so wirst du schon das
Gruseln lernen."—"Wenn weiter nichts dazugehört", antwortete der
Junge, "das ist leicht getan: lerne ich aber so geschwind das
Gruseln, so sollst du meine fünfzig Taler haben, komm nur morgen
früh wieder zu mir." Da ging der Junge zu dem Galgen, setzte sich
darunter und wartete, bis der Abend kam. Und weil ihn fror, machte
er sich ein Feuer an, aber um Mitternacht ging der Wind so kalt, daß
er trotz des Feuers nicht warm werden wollte. Und als der Wind die
Gehenkten gegeneinander stieß, daß sie sich hin und her bewegten, so
dachte er: ,Du frierst unten beim Feuer, was mögen die da oben erst
frieren und zappeln!' Und weil er mitleidig war, legte er die Leiter
an, stieg hinauf, knüpfte einen nach dem andern los und holte sie
alle siebene herab. Darauf schürte er das Feuer, blies es an und
setzte sie ringsherum, daß sie sich wärmen sollten. Aber sie saßen
da und regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider. Da
sprach er: "Nehmt euch in acht, sonst häng' ich euch wieder hinauf."
Die Toten aber hörten nicht, schwiegen und ließen ihre Lumpen
fort brennen. Da ward er bös und sprach: "Wenn
ihr nicht achtgeben wollt, so kann ich euch nicht helfen, ich will
nicht mit euch verbrennen", und hing sie nach der Reihe wieder
hinauf. Nun setzte er sich zu seinem Feuer und schlief ein, und am
andern Morgen, da kam der Mann zu ihm, wollte die fünfzig Taler
haben und spra ch: "Nun, weißt du, was Gruseln ist?"—"Nein",
antwortete er, "woher sollte ich's wissen? Die da droben haben das
Maul nicht aufgetan und waren so dumm, daß sie die paar alten
Lappen, die sie am Leibe haben, brennen ließen." Da sah der Mann,
daß er die fünfzig Taler heute nicht davontragen würde, ging fort
und sprach: "So einer ist mir noch nicht vorgekommen."
Der Junge ging auch seines Weges und fing wieder an, vor sich hin zu
reden: "Ach, wenn mir's nur gruselte! Ach, wenn mir's nur gruselte!"
Das hörte ein Fuhrmann, der hinter ihm herschritt, und fragte: "Wer
bist du?"—"Ich weiß nicht", antwortete der Junge. Der Fuhrmann
fragte weiter: "Wo bist du her?"—"Ich weiß nicht."—"Wer ist dein
Vater?"—"Das darf ich nicht sagen."—"Was brummst du beständig in den
Bart hinein?"—"Ei", antwortete der Junge", ich wollte, daß mir's
gruselte, aber niemand kann mich's lehren."—"Laß dein dummes
Geschwätz", sprach der Fuhrmann, "komm, geh mit mir, ich will sehen,
daß ich dich unterbringe." Der Junge ging mit dem Fuhrmann, und
abends gelangten sie zu einem Wirtshaus, wo sie übernachten wollten.
Da sprach er beim Eintritt in die Stube wieder ganz laut: "Wenn
mir's nur gruselte! Wenn mir's nur gruselte!" Der Wirt, der das
hörte, lachte und sprach: "Wenn dich danach lüstet, dazu sollte hier
wohl Gelegenheit sein."—"Ach, schweig stille", sprach die
Wirtsfrau", so mancher Vorwitzige hat schon sein Leben eingebüßt,
schade um die schönen Augen, wenn die das Tageslicht nicht wieder
sehen sollten." Der Junge aber sagte: "Wenn's noch so schwer wäre,
ich will's einmal lernen." Er ließ dem Wirt auch keine Ruhe, bis
dieser erzählte, nicht weit davon stünde ein verwünschtes Schloß, wo
einer wohl lernen könnte, was Gruseln wäre, wenn er nur drei Nächte
darin wachen wollte. Der König hätte dem, der's wagen wollte, seine
Tochter zur Frau versprochen, und die wäre die schönste Jungfrau,
welche die Sonne beschien. In dem Schlosse steckten auch große
Schätze, von bösen Geistern bewacht, die würden dann frei und
könnten einen Armen reich genug machen. Da ging der Junge am andern
Morgen vor den König und sprach: "Wenn's erlaubt wäre, so wollte ich
wohl drei Nächte in dem verwünschten Schlosse wachen." Der König sah
ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er: "Du darfst dir noch
dreierlei ausbitten, aber es müssen leblose Dinge sein, und die
darfst du mit ins Schloß nehmen." Da antwortete er: "So bitt' ich um
ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer."
Der König ließ ihm das alles bei Tage in das Schloß tragen. Als es
Nacht werden wollte, ging der Junge hinauf, machte sich in einer
Kammer ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Messer
daneben und setzte sich auf die Drehbank. "Ach, wenn mir's nur
gruselte!" sprach er, "aber hier werde ich's auch nicht lernen."
Gegen Mitternacht wollte er sich sein Feuer einmal aufschüren, wie
er so hineinblies, da schrie's plötzlich aus einer Ecke: "Au, miau!
Was uns friert!"—"Ihr Narren", rief er, "was schreit ihr? Wenn euch
friert, kommt, setzt euch ans Feuer und wärmt euch." Und wie er das
gesagt hatte, kamen zwei große schwarze Katzen in einem gewaltigen
Sprunge herbei, setzten sich ihm zu beiden Seiten und sahen ihn mit
ihren feurigen Augen ganz wild an. &UUML;ber ein Weilchen, als sie
sich gewärmt hatten, sprachen sie: "Kamerad, wollen wir eins in der
Karte spielen?"—"Warum nicht?" antwortete er, "aber zeigt einmal
eure Pfoten her!" Da streckten sie die Krallen aus. "Ei", sagte er,
"was habt ihr lange Nägel! Wartet, die muß ich euch erst
abschneiden." Damit packte er sie beim Kragen, hob sie auf die
Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest. "Euch habe ich auf
die Finger gesehen", sprach er",da vergeht mir die Lust zum
Kartenspiel", schlug sie tot und warf sie hinaus ins Wasser. Als er
aber die zwei zur Ruhe gebracht hatte, da kamen aus allen Ecken und
Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde an glühenden Ketten, immer
mehr und mehr, daß er sich nicht mehr bergen konnte. Die schrien
greulich, traten ihm auf sein Feuer, zerrten es auseinander und
wollten es ausmachen. Das sah er ein Weilchen ruhig mit an, als es
ihm aber zu arg ward, faßte er sein Schnitzmesser und rief: "Fort
mit dir, du Gesindel!" und haute auf sie los. Ein Teil sprang weg,
die andern schlug er tot und warf sie hinaus in den Teich. Als er
wiedergekommen war, blies er aus den Funken sein Feuer frisch an und
wärmte sich. Und als er so saß, wollten ihm die Augen nicht länger
offen bleiben, und er bekam Lust zu schlafen. Da blickte er um sich
und sah in der Ecke ein großes Bett. "Das ist mir eben recht",
sprach er und legte sich hinein. Als er aber die Augen zutun wollte,
so fing das Bett von selbst an zu fahren und fuhr im ganzen Schloß
herum. "Recht so", sprach er, "nur besser zu." Da rollte das Bett
fort, als wären sechs Pferde vorgespannt, über Schwellen und Treppen
auf und ab. Auf einmal, hopp hopp, fiel es um, das Unterste zu
oberst, daß es wie ein Berg auf ihm lag. Aber er schleuderte Decken
und Kissen in die Höhe, stieg heraus und sagte: "Nun mag fahren, wer
Lust hat", legte sich an sein Feuer und schlief, bis es Tag war. Am
Morgen kam der König, und als er ihn da auf der Erde liegen sah,
meinte er, er wäre tot. Da sprach er: "Es ist doch schade um den
schönen Menschen." Das hörte der Junge, richtete sich auf und
sprach: "So weit ist's noch nicht!" Da wunderte sich der König,
freute sich aber und fragte, wie es ihm gegangen wäre. "Recht gut",
antwortete er, "eine Nacht wäre herum, die zwei andern werden auch
herumgehen." Als er zum Wirt kam, da machte der große Augen. "Ich
dachte nicht", sprach er, "daß ich dich wieder lebendig sehen würde;
hast du nun gelernt, was Gruseln ist?"—"Nein", sagte er, "es ist
alles vergeblich, wenn mir's nur einer sagen könnte!"
Die zweite Nacht ging er abermals hinauf ins alte Schloß, setzte
sich zum Feuer und fing sein altes Lied wieder an: "Wenn mir's nur
gruselte!" Wie Mitternacht herankam, ließ sich ein Lärm und Gepolter
hören, erst sachte, dann immer stärker, dann war's ein bißchen
still, endlich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den
Schornstein herab und fiel vor ihn hin. "Heda!" rief er", noch ein
halber gehört dazu, das ist zu wenig." Da ging der Lärm von frischem
an, es tobte und heulte, und da fiel die andere Hälfte auch herab.
"Wart", sprach er, "ich will dir erst das Feuer ein wenig anblasen."
Wie er das getan hatte und sich wieder umsah, da waren die beiden
Stücke zusammengefahren, und da saß ein greulicher Mann auf seinem
Platz. "So haben wir nicht gewettet", sprach der Junge, "die Bank
ist rnein." Der Mann wollte ihn wegdrängen, aber der Junge ließ
sich's nicht gefallen, schob ihn mit Gewalt weg und setzte sich
wieder auf seinen Platz. Da fielen noch mehr Männer herab, einer
nach dem andern, die holten neun Totenbeine und zwei Totenköpfe,
setzten auf und spielten Kegel. Der Junge bekam auch Lust und
fragte: "Hört ihr, kann ich mittun?"
"Ja, wenn du Geld hast." — "Geld genug", antwortete er, "aber eure
Kugeln sind nicht recht rund." Da nahm er die Totenköpfe, setzte sie
in die Drehbank und drehte sie rund. "So, jetzt werden sie besser
schüppeln", sprach er, "heida, nun geht's lustig!" Er spielte mit
und verlor etwas von seinem Geld, als es aber zwölf Uhr schlug, war
alles vor seinen Augen verschwunden. Er legte sich nieder und
schlief ruhig ein. Am andern Morgen kam der König und wollte sich
erkundigen. "Wie ist dir's diesmal gegangen?" fragte er.— "Ich habe
gekegelt", antwortete er, "und ein paar Heller verloren."—"Hat dir
denn nicht gegruselt?"—"Ei was", sprach er, "lustig hab' ich mich
gemacht. Wenn ich nur wüßte, was Gruseln wäre!"
In der dritten Nacht setzte er sich wieder auf seine Bank und sprach
ganz verdrießlich: "Wenn es mir nur gruselte!" Als es spät ward,
kamen sechs große Männer und brachten eine Totenlade hereingetragen.
Da sprach er: "Ha, ha, das ist gewiß mein Vetterchen, das erst vor
ein paar Tagen gestorben ist, winkte mit dem Finger und rief: "Komm,
Vetterchen, komm!" Sie stellten den Sarg auf die Erde, er aber ging
hinzu und nahm den Deckel ab, da lag ein toter Mann darin. Er fühlte
ihm ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. "Wart", sprach er, "ich
will dich ein bißchen wärmen", ging ans Feuer, wärmte seine Hand und
legte sie ihm aufs Gesicht, aber der Tote blieb kalt. Nun nahm er
ihn heraus, setzte ihn ans Feuer und rieb ihm die Arme, damit das
Blut wieder in Bewegung kommen sollte. Als auch das nichts helfen
wollte, fiel ihm ein: 'Wenn zwei zusammen im Bett liegen, so wärmen
sie sich', brachte ihn ins Bett, deckte ihn zu und legte sich neben
ihn. &UUML;ber ein Weilchen ward auch der Tote warm und fing an,
sich zu regen. Da sprach der Junge: "Siehst du, Vetterchen, hätt'
ich dich nicht gewärmt!" Der Tote aber hub an zu sprechen: " Jetzt
will ich dich erwürgen." — "Was", sagte er, "ist das der Dank?
Gleich sollst du wieder in deinen Sarg", hob ihn auf, warf ihn
hinein und machte den Deckel zu; da kamen die sechs Männer und
trugen ihn wieder fort. "Es will mir nicht gruseln", sagte er, "hier
lerne ich's mein Lebtag nicht."
Da trat ein Mann herein, der war größer als alle anderen und sah
fürchterlich aus; er war aber alt und hatte einen langen weißen
Bart. "0 du Wicht", rief er, "nun sollst du bald lernen, was Gruseln
ist; denn du sollst sterben."—"Nicht so schnell", antwortete der
Junge, "soll ich sterben, so muß ich auch dabeisein." "Dich will ich
schon packen", sprach der Unhold.— "Sachte, sachte, mach dich nicht
so breit; so stark wie du bin ich auch."— "Das wollen wir sehn",
sprach der Alte, "bist du stärker als ich, so will ich dich gehen
lassen; komm, wir wollen's versuchen." Da führte er ihn durch dunkle
Gänge zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und schlug den einen
Amboß mit einem Schlag in die Erde. "Das kann ich noch besser,
sprach der Junge und ging zu dem andern Amboß. Der Alte stellte sich
nebenhin und wollte zusehen, und sein weißer Bart hing herab. Da
faßte der Junge die Axt, spaltete den Amboß auf einen Hieb und
klemmte den Bart des Alten mit hinein. "Nun hab' ich dich", sprach
der Junge, "jetzt ist das Sterben an dir." Dann faßte er eine
Eisenstange und schlug auf den Alten los, bis er wimmerte, und bat,
er möchte aufhören, er wollte ihm große Reichtümer geben. Der Junge
zog die Axt 'raus und ließ ihn los. Der Alte führte ihn wieder ins
Schloß zurück und zeigte ihm in einem Keller drei Kasten voll Gold.
"Davon", sprach er, "ist ein Teil den Armen, der andere dem König,
der dritte dein." Indem schlug es zwölfe, und der Geist verschwand.
Am andern Morgen kam der König und sagte: "Nun wirst du gelernt
haben, was Gruseln ist!" —"Nein", antwortete er, "was ist's nur?
Mein toter Vetter war da, und ein bärtiger Mann ist gekommen, der
hat mir da unten viel Geld gezeigt, aber was Gruseln ist, hat mir
keiner gesagt." Da sprach der König: "Du hast das Schloß erlöst und
sollst meine Tochter heiraten."
Da ward das Gold heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert, aber der
junge König, so lieb er seine Gemahlin hatte und so vergnügt er war,
sagte doch immer: "Wenn mir nur gruselte, wenn mir nur gruselte!"
Das verdroß sie endlich. Ihr Kammermädchen sprach: "Ich will Hilfe
schaffen, das Gruseln soll er schon lernen." Sie ging hinaus zum
Bach, der durch den Garten floß, und ließ sich einen ganzen Eimer
voll Gründlinge holen. Nachts, als der junge König schlief, mußte
seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kaltem
Wasser mit den Gründlingen über ihn herschütten, daß die kleinen
Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: "Ach, was
gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was
Gruseln ist."
Ende
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